Mensch, Sonne, Rezession

 

„Momentan ist richtig, momentan ist gut. Nichts ist wirklich wichtig, nach der Ebbe kommt die Flut. Am Strand des Lebens, ohne Grund, ohne Verstand, ist nichts vergebens, ich bau‘ die Träume auf den Sand. Und es ist, es ist ok, alles auf dem Weg, und es ist Sonnenzeit, unbeschwert und frei.“ (…)

Herbert Grönemeyer, Mensch, 2002

 

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser, wie geht es euch?

Heute morgen habe ich einen alten Song von Herbert Grönemeyer laufen lassen. Besser gesagt ist er in einer alten Playlist von mir aufgefallen. Er wurde im Jahr 2002 veröffentlicht. Alte Erinnerungen kamen in mir hoch. Das Land war in einer Rezession, Gerhard Schröder und seine Regierung war kurz davor das Sozialsystem Deutschlands umfangreich umzubauen, die berühmte Hartz4 Gesetzgebung wurde später umgesetzt. Das veränderte das Gesicht der SPD für immer. Und das von Deutschland auch.

Ich erinnere mich an die damalige Situation nicht wegen dem Song, der Land auf Land ab immer wieder gespielt wurde, sondern auch wegen der Lethargie, die damals überall spürbar war. Nach dem Desaster von „NineEleven“ im Jahr 2001 brachen die Börsen endgültig ein, die Welt stützte in eine Rezession. Der nichtssagenden Schattenkrieg gegen den Terror begann, der viele Grundrechte aushebelte und unsägliches Leid über die Menschen in vielen Ländern brachte. Der Grundstein für die größte Finanzmarktkrise nach 1929 wurde gelegt, indem man die Geldmengen nachfolgend massiv erhöhte, das Verbriefungsgeschäft von Schuldtiteln ausweitete und die US-Zentralbank FED politisch dazu gebracht wurde, jedem Amerikaner eine eigene Immobilie zu ermöglichen. Die daraus folgende spätere Krise war die Grundlage für die Eurozonen Krise beginnend in Griechenland ab 2009, die dann zu einer beispiellosen Intervention der EZB und dem Gelddrucken in Europa endete. Stehen wir nun dank Corona am Ende dieser Story?

Europa hat schätzungsweise 20-25% Zombiunternehmen, die nur wegen dem billigen Geld noch existieren, Neubaugebiete mit Schuldenhäusern und oft ohne Keller sind die letzten Jahre wie Pilze aus dem Boden gewachsen, Leasing-SUVs-rollen durch deutsche Innenstädte wie früher alte VW-Golfs, der schuldenfinanzierte Wohlstand wuchs auf ein nie da gewesenes Niveau. Jedes Anzeichen von Krise, das kleinste bisschen Sand im Getriebe, wurde die letzten Jahre mit frischem Geld und politischer Intervention weg gebügelt. Ein Großteil der heutigen Politiker versteht Wirtschaft nicht einmal. Das soll nicht überheblich klingen. Ihr könnt euch einfach einmal folgendes Buch über die Volkswirtschaftslehre bestellen, wenn ihr keinen wirtschaftswissenschaftlichen beruflichen Hintergrund habt. Es ist ein Studienklassiker: „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre – N. Gregory Mankiw.“ Mankiw ist nicht nur ein weltbekannter Wirtschaftswissenschaftler, er schreibt auch gut verständlich und humorvoll. Das Buch ist wirklich auch für Einsteiger geeignet und macht Freude zu lesen. Dann vergleicht diese Basics aus dem 1. und 2. Semester VWL mit den Aussagen und Statements deutscher Politiker. Danach werdet ihr mir zustimmen wenn ich sage, wenn bisher in der Wirtschaft etwas gut funktionierte, dann stets trotz der Politik, nicht wegen der Politik. Politische Talkshows kann man sich sparen, dort könnte man auch Hinz und Kunz oder Pumuckl mit Biene Maja reinsetzen und hätte die gleiche Fachkompetenz. Es steht definitiv die Frage im Raum, ob wir am Ende dieser Truman Show nun stehen oder nicht?

Aber heute kam mir durch diesen Song auch alte persönliche Gedanken aus den Jahren 2002/2003 in den Sinn. Ich war arbeitslos, wie viele andere auch und sogar einige Monate lang. Vor den Arbeitsämtern standen Schlangen von Menschen. Im täglichen Leben versuchte man sich zu optimieren. Einkaufen nur bei Aldi, keine Luxusprodukte, nicht einmal bei Lebensmitteln. Als Auto ein Smart. Alle unnötigen monatlichen Ausgaben wurde gesenkt. Essen gehen beim Sportplatzgriechen war Luxus und fühlte sich an wie in den Urlaub zu fliegen. Wenn ich zurückblicke würde ich sagen, dass es definitiv einen deutlich niedrigeren Lebensstandard in Deutschland gab, als es heute der Fall ist. Ich frage mich, ob das viele Menschen heute überhaupt ertragen würden. Als die Finanzmarktkrise 2007/2008 auf die Realwirtschaft durchschlug und Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit begannen, hielt dieser Zustand nicht mal ein Jahr an. 2009 stiegen die Kurse wieder und ein beispielloser kreditfinanzierter wirtschaftlicher Aufschwung startete. Selbst daran können sich viele nicht bewusst erinnern. Aber eine längere Rezession und ein Einbruch des Lebensstandards auf das Niveau der frühen 2000er Jahre? Das wäre rechnerisch die Folge eines BIP Einbruchs von 10-20%, wie er derzeit im Raum steht.

Erinnerungen an eine zusammengebrochene Weltwirtschaft – ich möchte ein paar Gedanken von den letzten beiden Krisen reflektieren.

 

 

Senior business is unemployed. Problems with dismissed employees before retirement
Rezession und Arbeitslosigkeit – eine schmerzhafte Zeit. Aber egal was passiert, wir sind nicht wertlos, weil wir weniger besitzen oder keinen Job haben. Wir sind mehr als das.

Quelle: gettyimages/istockpictures

 

 

 

„Das Firmament hat geöffnet, wolkenlos und ozeanblau. Telefon, Gas, Elektrik, unbezahlt und das geht auch.“

Das war die Stimmung damals. Rechnungen wurden vermieden oder auf den letzten Drücker bezahlt, der Kaffee kam nicht aus dem Vollautomaten sondern war Cappuccinomischung aus dem Aldi zum Aufkochen. Es war sogar etwas Zucker dabei, den musste man nicht extra kaufen. Wichtig war damals schon, das Internet als erstes zu bezahlen. Per Überweisung und papierhaft, die Lastschrift konnte wegen einer Überschneidung platzen.

Jeder Tag war für sich genommen schön. Montags zum Arbeitsamt, Dienstags frei, Mittwochs Bewerbungen schreiben, Donnerstags beim Aldi einkaufen. Dann Wochenende. Aber eigentlich war jeder Tag Wochenende – bis auf Montag.

Beim Arbeitsamt gab es Zettel mit Tipps für einen neuen Job. „Sprechen Sie mit ihren Bekannten und Freunden. Viele Jobs werden auf diesem Weg gefunden.“ Das habe ich damals auch gemacht. Es ist die Zeit der Sammler und Jäger, Multilevelmarketing geht immer und wird als krisensicher angepriesen. Was die Leute immer vergessen ist, dass in rezessiven Phasen auch für so etwas niemand Geld hat. Die initiale Ausstattung mit Ware zum Weiterverkauf ist aber ein sicherer Gewinn für den Anbieter des Systems selbst. Das war mir damals schon irgendwie suspekt, auch ohne die sektenartigen Umtriebe solche Systeme.

Die Prioritäten verschieben sich, wenn man weniger Geld hat.

Ich erinnere mich an meinem Zivildienst beim Roten Kreuz, bei dem ich eine medizinische Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht habe, noch an den Ablauf der Zentralisierung bei hohen Blutverlust bei Unfallopfern.

Einmal habe ich den Tod eines Unfallopfers auch direkt im Reanimationsraum einer Klinik miterlebt, da ich den Rettungswagen fuhr. Wenn der Körper durch einen hohen Blutverlusts einen Schock erleidet, reagiert der Körper mit der Massnahme der Zentralisierung. Die Blutversorgung wird umgestellt und mit einer Zentralisierung der Blutversorgung auf lebenswichtige innere Organe wie das Herz, Nieren, Leber oder das Gehirn konzentriert. Das ist der Notmodus um das Überleben aufrecht zu erhalten.

Unser wirtschaftliches Leben in der Routine des Alltags ist sehr ähnlich. So lange noch voll gearbeitet wird, volles Gehalt kommt, schaffen es die wenigsten ihr Leben zu vereinfachen. Wenn die monatliche Haushaltsrechnung  – wenn eine gemacht wird – es hergibt, kann man Geld ausgeben. Bricht aber das Einkommen weg, muss zentralisiert werden. Was brauchen wir wirklich? Zwei Handyverträge von T-Mobile oder Prepaid beim WinSim für 5,99 Euro im Monat? Zwei Autos mit Versicherungen, Reifen und Werkstatt oder besser eine gebrauchte Karre für die Einkäufe im Ort? Essen gehen ist Luxus, aber auch eine Flucht aus dem Alltag der Tristesse. Aber denn teilt man sich ein Gericht und liest die Karte nicht von unten – wo die höheren Preise stehen. Diese Frage stellt sich dank Corona derzeit aber nicht.

Kleidung ist auch ein beliebtes Thema. Es gibt soziologische Studien, die bestätigen was sicher jeder weiss. Neue Kleidung wird gekauft, um sich in seiner sozialen Umgebung gut zu fühlen und aufzuwerten. Würde es bei Kleidung nur darum gehen warm angezogen zu sein und nicht nackt herum zu laufen, würden wir sicher alle anders aus dem Haus gehen. In der Rezession ist aber „aus dem Haus gehen müssen“ schon der wahre Luxus. Und wenn alle in alten Jeans und T-Shirts rumlaufen, interessiert es keinen mehr. Die Eitelkeit fällt meiner Erfahrung nach zuerst bei uns Männern, etwas zeitverzögert und nach einigem Leidensdruck folgen die Frauen.

Die beschriebene medizinische Zentralisierung konzentriert den Blutfluss auf lebenswichtige Organe, damit wir überleben. Was in unserer Haushaltsrechnung lebenswichtige Posten sind, dass wird sich bei einer Verminderung des Einkommens zeigen. Es werden in jedem Fall lebensnotwendige Dinge sein und uns wird schnell klar, das brauchen nicht das Gleiche wie wollen ist.

 

 

Two women hugging
Wir sind nicht unser Job, unser Auto, unser Haus und auch nicht die Klamotten die wir tragen. Wir sind Menschen. Wir lieben, lachen, fühlen und sind füreinander da.

Quelle: gettyimages/istockpictures

 

 

 

„Teil mit mir Deinen Frieden, wenn auch nur geborgt…“

In schweren Zeiten müssen Menschen mehr zusammen halten und tun es meist auch. Das klappt oft nicht gleich, weil der Ist-Zustand der Joblosigkeit sich erst mit einer gewissen Zeitverzögerung auswirkt. Am Anfang fühlt sich alles noch wie Urlaub an bis man merkt, das wird etwas länger dauern. Bei manchen stellt sich dann eine kleine Depression ein und Gefühle der Wertlosigkeit. Gerade dann ist es gut, wenn man füreinander da sein kann. Dieses Gefühl von Wertlosigkeit bei längerer Kurzarbeit oder Joblosigkeit, ist ein Tal tiefer Tränen, welches man erst einmal durchschreiten muss. Wie lange das dauert hängt auch damit zusammen, wie sehr wir uns mit dem Job identifiziert haben.

Wenn jemand das Angestellten Dasein als Tausch von Geld gegen Zeit sieht, wird sie oder er es hier leichter haben, als wenn jemand sich mit seiner Firma voll und ganz identifiziert. Und wenn jemand seinen Job als Sinn stiftendes Element in seinem Leben sieht, dann wird der Schock recht gross sein. Aber – und das ist eigentlich nichts neues – wir sind als Angestellte in einer Firma kein unentbehrliches Wirtschaftsgut und werden schon gar nicht nach intrinsischem Wert auf einer humanistischen Basis bewertet. Auch wenn jede gute Firma versucht den Eindruck von Lohnsklaverei mit hausinternen Marketing zu vermeiden, die Peitsche knallt hinter den Kulissen des beiderseitigen lächelnden Agreements recht schnell und dann auch laut.

Ich habe geschrieben, dass der Ist-Zustand der Joblosigkeit sich zeitverzögert auswirkt. Das liegt auch daran, dass unsere Fassade erst fallen muss. Die Fassade der Businessmäßigkeit und des beschäftigt Seins, das Gesicht des Erfolges, der an Äußerlichkeiten wie dem Schuldenreihenhaus und dem Cabrio-Zweitwagen gemessen wird. In diesem Zustand blicken viele auf die herab, die es nicht geschafft haben. „Waren Sie nicht fleissig genug?“ „Und was haben sie studiert?“ „Mein Mann wurde wieder befördert! Er ist so erfolgreich.“ „Wir wurden zur Dinnerparty des Chefs eingeladen – auf dem Landhaus mit Pool.“

Solche Aussagen kennen viele, eine Kulisse, die das Innere unangreifbar macht. Und seien wir ehrlich – das Innere interessiert nicht. Das ist aber desto stärker der Fall, je mehr eine Gesellschaft durch den Wohlstand ausgehöhlt ist. Und es trifft Menschen aller Arten und auch aller Glaubensarten. Es ist wie wenn das Herz korrumpiert wurde.

Die Krise hat die Chance das eingefrorene Herz wieder aufzutauen und diese lächerliche Show zu beenden. Man lebt anders, wenn man nichts zu verlieren hat, wie wenn man den Nachbarn und Arbeitskollegen etwas vorspielen muss. Das Leben ist echter und fühlt sich besser an. Ich möchte hier kein negatives Menschenbild zeichnen, das sind eben die Schwächen, die wir so haben. Aber wir können eine Situation nutzen um uns von solchen unnötigen sozialen Fesseln zu lösen. Je früher desto besser, denn es liegt Wahrheit in dem Text des Songs, der mir während ich diesen Artikel schreibe auch einfällt. Vinnie Paz, The ghost I used to be: „I’ve been working for the Devil too long, I’m gone.“

 

Rezession und Arbeitslosigkeit ist eine schmerzhafte Zeit. Aber egal was passiert, wir sind nicht wertlos, weil wir weniger besitzen oder keinen Job haben. Dieses Denken, Menschen einen Wert nach ihrem Job zuzuordnen oder nach dem was sie noch tun können, ist eine der vielen Perversionen des bisherigen Wirtschaftssystems. Aber das ist keine reine Kritik an der Marktwirtschaft, denn Kommunismus und Sozialismus ist da auch kein bisschen besser gewesen. Es ist eine Kritik, der wir uns als Menschen und als Gesellschaft stellen müssen und es wird keine einfachen Antworten geben. Aber wir können als Einzelne dem anderen ein besseres Gefühl geben, „wenn wir dem Nächsten von unserem Frieden borgen“, bis wir ihn mal brauchen und der andere uns hilft. Niemand ist unbesiegbar stark, jeder ist mal schwach und braucht Beistand.

 

 

Woman and man leaning against a limo car
Wem galt eigentlich die bisherige soziale Show? Es ist nie zu spät um wach zu werden. Bis wir tot sind.

Quelle: gettyimages/istockpictures

 

 

„Und der Mensch ist Mensch, weil er erinnert, weil er kämpft. Und weil er hofft und weil er liebt, weil er mitfühlt und vergibt. Und weil er lacht und weil er lebt.“ (…)

 

In den kommenden Monaten liegt eine unglaubliche Chance, wenn wir sie bewusst durchleben und erleben. Für manche wird das Überleben bedeuten. Die Chance besteht darin, nichts für selbstverständlich zu nehmen. Das gelingt uns Menschen oft nicht so einfach wenn wir alles haben und das kann man ganz gut beobachten.

Die letzten Jahre war fast alles was wir lesen, hören und sehen konnten von höher, schneller weiter und mehr geprägt. Ich habe mich dieser Tage erst mit einem netten Menschen darüber unterhalten, den ich durch diesen Blog kennen gelernt habe.

Es konnte nie genug sein. Aber an was nie genug? An Geld, an Autos, an Häusern, an Smartphones und Tabletts. An Luxus, der auf Instagram gepostet wurde. Karl isst Kaviar vor laufender Kamera, Rolf zieht seine neue Rolex an, Sandy läuft nun mit Industriesilikon rum und Franzi hat keine Falten mehr. All das wurde geteilt und weitere Menschen mit diesem Gedankengut infiziert. Und von Gedanken wird man schneller infiziert als von Corona. So wurde das Hamsterrad am Laufen gehalten, Habgier und Süchte treiben Menschen besser an als jede Peitsche.

Was meist auf der Strecke bleibt ist, wer wir als Menschen eigentlich sind. Wenn all diese Ablenkungen weg sind, was bleibt dann? Wenn wir nicht unser Haus, unser Auto, unser nachbearbeitetes Aussehen sind, nicht die Reisen und der Job und nicht unsere Klamotten, wer sind wir dann? Wer bist Du? Wer bin ich, hinter dieser Lackschicht der Sozialisierung und einer Zivilisation, die an dünnen Fäden hängt?

Wir sind Menschen. Wir hoffen, lieben, vergeben, fühlen mit anderen mit. Wir lachen und leben. Aber vielleicht haben wir uns das die letzten Jahre nehmen lassen und waren mehr Sklaven einer Ideologie des „immer mehr Wollens.“ Die Chance, die wir jetzt bekommen, ist wieder zu dem zu werden, was wir wirklich sind. Mehr Zeit zu haben um zu denken und zu fühlen, Momente geniessen und nicht in Eile zu sein. Wir können einander besser verstehen und kennen lernen. Vielleicht auch neue Menschen, die vorher noch nicht in unserem Leben waren. Statt mit spätestens dem zweiten Satz zu fragen, „was machst Du beruflich“, könnten wir fragen: „Was ist Dir wichtig im Leben? Was macht Dich glücklich?“

Ich bin mir sicher, wir müssen das alle wieder mehr lernen. Mehr aufeinander zugehen, mehr lieben, mehr lachen und das miteinander leben und sein.

Wenn wir nicht essen, sterben wir innerhalb von Wochen. Wenn wir nicht trinken, sterben wir innerhalb von Tagen. Wenn wir nicht atmen, sterben wir innerhalb von Minuten. Wenn wir aufhören zu denken, zu lieben und zu fühlen, dann sterben wir obwohl unser Körper noch lebt. Und wachen nie wieder auf.

In diesem Sinne, Auf das Leben! – LeChayim – לחיים

 

 

 

 

“ Unreife Liebe sagt: «Ich liebe dich, weil ich dich brauche.» Reife Liebe sagt: «Ich brauche dich, weil ich dich liebe.» „

– Erich Fromms

31 Kommentare zu „Mensch, Sonne, Rezession

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  1. @Blackwater, ich möchte heute ein wenig gegen Klischees kämpfen und zitiere dich mal:

    1. „Neubaugebiete mit Schuldenhäusern und oft ohne Keller sind die letzten Jahre wie Pilze aus dem Boden gewachsen“ – Diesen Satz finde ich persönlich viel zu negativ besetzt. Dabei ist noch viel zu wenig Wohnraum entstanden, es wird viel mehr gebraucht damit die Mieten nicht in den Himmel wachsen. Ist ohne Keller bauen ein Minus beim Hausbau? Eher nicht: Keller ist viel zu teuer und aufwendig in der Bauphase, bringt viel zu wenig Ertrag aus Vermietersicht, wenn der Raum (wirklich) gebraucht wird, lieber ein Stockwerk draufsetzen. Schuldenhaus – was ist das? Eine Immobilie für die ein Kredit aufgenommen wird? Ein Kredit ist nicht immer schlecht. Es gibt viele sinnvolle Kredite, die auch sinnvoll eingesetzt werden. Eine Immofinanzierung ist nicht das Gleiche wie ein Konsumentenkredit für das neuste IPhone.

    2.“Was brauchen wir wirklich? Zwei Handyverträge von T-Mobile oder Prepaid beim WinSim für 5,99 Euro im Monat?“ Prepaid und 5,99€/mtl ist schon echt günstig, viele bezahlen über 20€/mtl und noch mehr zahlen zwischen 30-50€/mtl weil da die Handyfinanzierung mit drin „versteckt“ ist

    3. „Zwei Autos mit Versicherungen, Reifen und Werkstatt oder besser eine gebrauchte Karre für die Einkäufe im Ort? “
    Auch das ist sehr pauschal oder Klischeehaft, wenn beide arbeiten und der Arbeitsweg weiter weg ist, sind diese 2 Autos eine Notwendigkeit und kein Luxus. Ein junges Auto 1-3 Jahre alt, braucht mindesten 2 Jahre keine neuen Reifen, max. 1 Durchsicht p.a. und ist im Unterhalt oft günstiger als eine gebrauchte (alte) Karre.

    Ich möchte natürlich nicht nur kritisieren, sondern auch Lösungen aufzeigen, eine Strategie ist zum Beispiel:

    1. Bei jeder Lohnerhöhung 50% davon monatlich per Dauerauftrag sparen, hat man vorher nicht gehabt, also fehlt das Geld doch gar nicht, es würde nur im täglichen Konsum verbraten werden

    2. Bei jedem Kredit der abgezahlt ist, die Kreditrate weiter zahlen, nur jetzt auf ein eigenes Anlagekonto, das hilft bei der Kapitalbildung und vielleicht braucht man dann den nächsten Kredit gar nicht (Ausnahme: 0% Finanzierungen bei Anschaffungen die man auch so gekauft hätte)

    3. Beim „Entrümpeln“ von Abos und anderen nicht notwendigen laufenden Ausgaben, einen Teil der Ersparnis wieder sparen (braucht heute wirklich noch jemand eine Fernsehzeitung, oder Tageszeitung? ausser unsere Eltern/Großeltern weil sie immer eine hatten)

    4. Aufpassen beim Kündigen von Versicherungen, hier wird oft schnell und unüberlegt gekündigt, sinnvoll ist es da eher den Vertrag zu prüfen und zu optimieren, Vertragsteile zu reduzieren, oder gleich zu einem besseren Anbieter wechseln (Versicherungsmakler statt Agentur)

    5. Sich selbst belohnen nicht vergessen, damit das Sparen nicht nur euer Leben bestimmt, irgendwann ist auch Essen gehen wieder möglich und wenn es soweit ist hat man schon etwas gespart 😉

    Ich zitiere noch einmal: „… das brauchen nicht das Gleiche wie wollen ist.“ Volle Zustimmung! Haben ist besser als brauchen und nicht alles was der Freund oder Nachbar hat muss man auch haben (wollen). Gut ist wenn man in guten Zeiten für Schlechte vorsorgt, fragt eure Großeltern, die können dazu echte Erfahrungen teilen.

    Auch diese Krise wird beides bringen, Pleiten und Chancen, resignieren, weitermachen oder einen Neuanfang wagen, es liegt ein wenig auch an jedem selbst.

    Doch das Wichtigste ist und bleibt: Passt auf euch und eure Familien auf & bleibt alle gesund!

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    1. Hallo Gold-oder-Aktien,

      manche meiner Artikel enthalten die ein oder andere Spitze, um auf bestimmte Probleme hinzuweisen. Teilweise sogar mit einer Prise Zynismus. So sicher auch bei diesem.

      Zu den Punkten: 1. Was ist ein Schuldenhaus? – der Leser wende Unterscheidungsvermögen an! In den letzten 10 Jahren sind Häuser gebaut worden, bei denen minimal Eigenkapital eingesetzt wurde, weil schlicht weg keines vorhanden war. (Es gab auch Ausnahmen, wie immer) Ich kenne solche Finanzierungen direkt, da ich in den letzten 10 Jahren bei zwei Banken damit konfrontiert war und eine dieser Banken ganz kreativ bei der Bereinigung
      ihrer Bilanz von diesen Kredite war. Wie sagten die Kollegen in FFM immer: Wenn die Bombe hochgeht, dann woanders.

      Ein Schuldenhaus ist ein Haus, bei dem das EK gerade mal die Erwerbsnebenkosten deckt und teilweise selbst aus Kredit besteht. Beispielsweise verliehen durch die Eltern. Hier sind keine Reserven für eine Abwertung der Immobilie vorhanden. Diese Abwertungen werden
      aber kommen. Folge: Die Bank verlangt (1) mehr Zinsen oder (2) mehr Sicherheiten. Viele Spass! Für die Banken wird das natürlich auch nicht lustig. Denn um die wegbrechende Zinsmarge der letzten Jahre aufzufangen, waren immer höhere Kreditvolumina notwendig um den gleichen Ertrag zu erzielen. Und es wurden an verantwortlichen Stellen Kredite durchgewunken, die man früher nicht mal angefasst hätte. Aber man muss ja seinen Bonus sichern – als Managing-Director. Es gibt viele sinnvolle Kredite, keine Frage. Da aber das Geschäft mit Asset-Backed-Securities die letzten 10 Jahren auf ein Ausmaß hochgefahren wurde, welches selbst die 2008 Krise weit in den Schatten stellt, vermute ich ganz stark, dass es auch viele nicht-sinnvolle Kredite gibt. 🙂 Darunter sind nicht nur Verbriefungsgeschäfte von Kreditkartenschulden, Hypotheken und Fahrzeugkrediten, sondern auch die Finanzierungen da schätzungsweise 20-25% Zombieunternehmen im Euro-Raum, die nur noch wegen dem billigen Geld existieren.

      Eine Immobilienfinanzierung ist nicht das gleiche wie das neuste iPhone, da hast Du Recht. Der Hebel ist viel größer und der Schaden beim Ausfall heftig. Und da über die Jahre auch Unsummen an Instandhaltungskosten entstehen, sollten die Käufer schon etwas EK aufweisen und grundsätzlich in der Lage sein Geld zu sparen. Sonst wird es nichts mit dem vermeintlichen „Gegenwert der Immobilie“. Genau hier sehe ich aber aus meiner Berufserfahrung als Banker das Problem. Denn das waren überwiegend nicht die Kunden, die die letzten Jahre Immobilien erworben haben. Es waren einfach alle, die irgendwie einen Job hatten. Erinnert mich direkt an die USA 2007/2008. Dort steigen die Ausfallraten bei Hypotheken übrigens gerade auch wieder an. In Florida beispielsweise von knapp 3% auf fast 30% innerhalb von einem Monat. In unserem Land, einem Land in dem große Firmen offenbar Dividenden zahlen können, aber nicht mal die Liquidität für einen Monat aufweisen, wird das genau so ablaufen…

      2.Das kann so sein, muss es aber nicht. Und wenn in dem Handyvertrag eine weitere Finanzierung enthalten ist (was oft der Fall ist), wusstest Du, dass Banken daraus auch Pakete bündeln und das in das ASB Geschäft beigemischt wird? Zu Diversifikation. Toll dieses Business.

      3.Natürlich gibt es viele Fälle, in denen zwei Autos gebraucht werden. Es gibt aber viele Fälle, wo es nicht so ist. Und wenn man die realen Kosten der Karre aus dem kleinen Nebenjob ausrechnet, kann man auch daheim im Bett liegen bleiben.

      Lösungen: Dazu kommt diese Woche ein Artikel. :=)

      Vorweg kann ich schon sagen: Es sieht aus, als wenn man in der EU so viel Geld drucken will, dass alle Probleme verschwinden. Das werden sie aber nicht. Die jetzige Generation Politiker scheint nichts anderes zu können, als Geld verteilen. Ein VWL Buch hatte kaum einer wohl je in der Hand, statt dessen wird noch stolz auf Twitter gepostet, wie man hunderte Milliarden verteilt.

      Versteh mich bitte auch nicht falsch, aber ich denke die Gesellschaft insgesamt lebt massiv gehebelt und auf Pump. Das zeigen alle Zahlen, die man dazu finden kann. Und wenn die Einkommensquellen durch eine Rezession weg brechen, dann wird es zu Kreditausfällen und einer Kettenreaktion kommen. Ich lag da schon öfters in den letzten 15 Jahren als Banker richtig. 🙂 Ich muss und will aber nicht richtig liegen, ich wünsche mir sogar, dass das Spiel weiter geht und die Leute die Zeit bekommen, das Chaos aufzuräumen, statt das es einfach wieder knallt. Wenn wir dieses Mal nochmal aus der Situation rauskommen (mit viel Glück), dann ist das definitiv die letzte Chance. Next Stop: Kernschmelze, Zwangshypotheken und Hyperinflation. Leider kein Spass und kein Spiel.

      Bleib auch gesund, das ist das Wichtigste!

      @All: Ich greife diese Woche einige Punkte aus den Kommentaren und euren Mails in einem Artikel auf.

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      1. „Wenn wir dieses Mal nochmal aus der Situation rauskommen (mit viel Glück), dann ist das definitiv die letzte Chance. Next Stop: Kernschmelze, Zwangshypotheken und Hyperinflation.“

        Da steckt ja ein richtiger Kreschprophet in Blackwater.
        Sondervermögen und Fremdwährungen wurden schon ansgesprochen, es fehlt noch Silber, Gold, Klopapier, Erdnussbutter und Dosenbrot. Die Wenigsten denken an ausreichend Wasser um die ganzen Nudeln zu kochen. Und an den Notkocher, wenn dann der Strom wech is.
        Handyschutztip bei Stromausfall: Kondom überziehen. Wenn die Empfängnis schlecht bleibt, Kuppe abschneiden.

        Bleibt alle gesund, ehrlich und räumt euer Zimmer auf!

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      2. @Presskopp: Waffen hat er doch schon scherzhaft empfohlen und sogar das Training im Umgang damit. In Wohngebieten versteht sich. Herrlich. Ich sehe darin eher eine satirische Aufarbeitung der Bloggerszenerie.

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      3. @cc
        Ich kann in seinem Kommentar leider nichts als „satirische Aufarbeitung der Bloggerszene“ erkennen.
        Mag sein, dass er anderswo gutbewaffnet drauf war, aber der obige Kommentar sieht fast aus als hätte er Markus Krall als ghostwriter angestellt.

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      4. Guten Morgen zusammen! Natürlich muss man immer alle Szenarien im Hinterkopf haben, auch die welche man selbst nicht mag oder auch die, die von den „Bücherverkäufern des Untergangs“ genutzt werden. Sag niemals nie, ganz wie bei James Bond. Ich habe allerdings bereits vor zwei Jahren drauf hingewiesen, dass es irgendwann mal die „Luft abgelassen“ werden muss. Letztes Jahr schrieb ich dann darüber, wie man sich auf die Rezession vorbereiten kann. Deswegen werde ich aber sicher nicht zum Krall. 🙂

        Zu dem Thema Corona besteht ein gewisser Informationsbedarf, aber auch mir hängt es inzwischen zum Hals raus. Daher habe ich mit dem neusten Artikel die Kernpunkte und Szenarien nochmal aufgegriffen, aber die „Karawane“ zieht nächste Woche weiter. Sonst kommt noch irgend einer auf die Idee, dass Blackwater.live ein Finanzblog wäre.

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  2. Super Artikel und eine mehr als wertvolle Diskussion dazu. Besonders lustig fand ich den Spruch Realschule 1970 = Bachelor 2020.
    Da ist schon etwas dran, obwohl meine Töchter wahrscheinlich sagen würden: Man Alter, jetzt komm nicht wieder mit dem früher war alles besser.

    PS: Bin gerade noch in den 70er mit der Realschule fertig geworden 😉

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    1. hahahaha, früher war alles besser sagen meine Eltern auch immer. Aber weil sie mit Technik nicht klar kommen.

      Meine Antwort auf „was machen Sie beruflich?“ wäre derzeit: Nichts. Ich bin Tochter und kümmere mich gerade um meine Eltern. Niemand weiss wie das alles weiter geht, also mache ich mir erst mal keine Sorgen. Essen gibts genug, warmes Bett auch und fliessendes Wasser. Also was solls, abwarten.

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    2. Ich bin auch nicht aus einer Akademikerfamilie. Studiere Wirtschaftsrecht und habe bisher noch keinen in meinem Studiengang kennengelernt, dessen Eltern nicht studiert haben. Ich hab mal eine Studie gelesen, aus der hervorgeht, dass Nichtakademikerkinder nachher nur kurz studieren, also eher wieder nur bis Bachelor. Auch sind sie an den Fachhochschulen überrepräsentiert. Ich will auch ich nur einen Bachelor machen und damit dann auf Jobsuche gehen bzw statt Master lieber einen 2. Bachelor machen. Auch bei den Kommilitonen meine ich festzustellen, dass insbesondere jene aus Nichtakademikerhaushalten bestimmte Fächer präferieren, also eher Lehramt, Soziale Arbeit. Ich bin froh, wenn ich nicht so lange in der Uni klebe und schneller in das Geld verdienen komme.

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    3. Ich bin eine Mischung. Meine Mutter hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Mein Vater ist Ingenieur und arbeitet bei einem großen Autobauer. Hatte ich dadurch Vorteile? Nein! Hätte ich vermutlich haben können, wollte ich aber nicht. Ich finde Leute, die sich was auf das Geld und den Erfolg ihrer Eltern einbilden und selbst null im Leben erreicht haben nur noch peinlich. Noch schlimmer sind nur die, die es nicht auf die Reihe bringen ohne Hilfe von Papi und Mami einen Fuß in die Arbeitswelt schaffen. Mein Studium habe ich mit arbeiten finanziert. Im Nachhinein finde ich, dass ich mich auf jeden Fall richtig entschieden habe zu arbeiten nicht meine Eltern um Unterstützung anzubetteln.

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  3. Danke für den Artikel. Er beschreibt genau wie ich mich irgendwie fühle. Es fühlt sich alles sehr unbeschreiblich in diesem Land gerade an. Keiner weiss was als nächstes passiert. ALso mal den Garten machen oder das Auto waschen. Warten. Echt komisch. Schön von dir zu lesen.

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  4. Ein Artikel, der die derzeit Stimmung und die, die noch kommt sehr gut beschreibt. Die meisten Leute sind (noch) sorglos, dabei rollt eine riesige Pleitewelle auf uns zu. Ich nutze dieses Wochenende um alle nicht benötigten Abos zu kündigen und zu überprüfen, wo ich noch Geld einsparen kann. Die Fixkosten müssen runter.

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  5. „was machst Du beruflich“ wird in einigen Monaten zu „hast du eine Arbeit?“ :))))))) Ja, ich bin ähm war wichtig wichtig Bachelor-Master beim Daimler für die Kloschüssel in der S-Klasse. Jetzt bettel ich um den Taxijob. Der Inder war billiger, ich bleibe arbeitslos…

    Und weil ich es hier gelesen habe: Die ganzen vollversorgten Lehramtstypen kapieren nicht ganz, dass sie auch abgebaut werden müssen, wenn die Steuereinnahmen des Staates durch die ganzen Pleiten sinken. Einfach mal abwarten.

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  6. „was machst Du beruflich“ & Bachelor

    Nicht jeder oder jede die eingebildet daherkommt, ist deshalb schon „Elite.“ Der damit verbundene Begriff trägt im akademischen Bereich lediglich der Tatsache Rechnung, dass die Suche nach der Wahrheit eine äußerst anspruchsvolle Tätigkeit ist und in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht von jedem auf höchsten Niveau geleistet werden kann. Es verlangt herausragende kognitive, mativationale und soziale Eigenschaften. Jetzt kann man sich selbst fragen, ob diese ganzen Leuchten auf der Torte mit Bachelor das alles mitbringen, oder ob es nicht einfach Barbies oder Ken’s sind, die diesen Titel zu ihrem zuckersüssen und perfekten sowie durchgestylten Leben brauchen, so wie das Cabrio und Laura-Marie-Klara als Vorzeigekind im eigenen Reihenhaus mit Webergrill im Garten. Nicht umsonst gilt selbst im öffentlichen Dienst der Bachelor nicht mehr als akademischer Abschluss. Merke: Bachelor 2020 = guter Realschulabschluss 1970. Ich denke das Niveau ist in etwa das gleiche.

    Zu mir: Ich bin schön etwas älter und fast 40 Jahre Personaler. In dieser Zeit habe ich tausende Einstellungsgespräche begleitet. Titel sind heute so inflationär wie Regentropfen im Monsun.

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  7. „-was machst Du beruflich?“

    Ich hasse diesen Satz. Er macht mich traurig, wütend, verletzlich.
    Bei einer Unterhaltung kommt mir diese Frage nicht in den Sinn.
    Das Gros meiner gegenüber schafft es diese Frage am Anfang rauszuhauen.
    Weiche ich aus, werde ich belächelt.
    Ich bin ‚ungelernte Hilfskraft‘, wenn es einer unbedingt wissen möchte.
    Das Gespräch wird daraufhin zu meiner ‚Erleichterung‘ vom Gegenüber beendet.

    Die Leute mit denen ich mich länger unterhalte kann,
    hat mit zunehmendem Alter abgenommen.

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    1. Wenn man heute nicht studiert hat, wird man sehr schlecht behandelt. Ich bin nur Bürokauffrau. Wenn dann eingebildete Zicken mit Bachelor kommen, mustern sie mich von oben bis unten und erzählen dauernd was sie im Studium gemacht haben. Aber einfaches Prozentrechnen oder in der Firma einfache Zusammenhänge blicken sie nicht. Und die drücken sich oft vor Arbeit. Hauptsache Bacheloooor.🙄🙄 Normale Ausbildung will auch keiner mehr machen.

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    2. Ob jemand studiert hat oder nicht, davon hängt sicher nicht seine Qualität als Mensch ab. Genauso wenig welchen Beruf jemand später ausübt. Durfte in der Vergangenheit auch schon gewisse Dinge von bestimmten Akademiker-Sprösslingen hören, die leider ziemlich negativ bei mir aufgestoßen sind: So konnte ich nur mit dem Kopf schütteln, als in einem Seminar mal eine Lehramts-Student in einem dermaßen überheblichen und arroganten Tonfall erklärte, das er ja auf Lehramt studiere und daher für Höheres in der Gesellschaft bestimmt sei und Menschen ohne Studium nur Fussvolk seien. Mal abgesehen davon, dass Lehramts-Studenten nicht die hellsten Köpfe sind (es gibt Ausnahmen) und das auch allgemein bekannt ist, ist es sehr überheblich und arrogant gewesen. Genauso wie eine andere Studierende, die bereits zwei Kinder hat. Ihre ältere Tochter war da gerade anscheinend mit der Grundschule fertig geworden und sollte auf einer weiterführende Schule. Sie unterhielt sich damals im Kurs-Raum hitzig mit ihrer Sitznachbarin, dass sie gerade auf der Suche nach einem passenden Gymnasium für ihre Tochter wäre. Als ihre Gesprächspartnerin fragte, wie es denn mit einer Gesamtschule oder so aussehe, meinte die andere sofort: „Hallo?? Ich will doch nicht, dass meine Tochter da mit den Hauptschülern zusammen in einer Klasse sitzt!“ Das fand ich sowas von abfällig und unverschämt, dass ich kurz davor war, ihr mal meine Meinung zu sagen. Hab es mir im letzten Moment allerdings noch mit Mühe verkniffen, weil es vermutlich zu einem heftigen Streit gekommen wäre.

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      1. „Was machst Du beruflich?“ So jetzt muss ich mich auch mal dazu äußern. Letzten Endes geht es bei der Frage meist nur um soziales Abchecken. Denn in vielen Köpfen steckt drin „Hast du studiert, kannst du etwas“. Das war früher so und hat sich geändert in ein Statusdenken: „hast du studiert, BIST du etwas“. Das sagt nichts darüber aus ob jemand in seinem Job gut ist oder ob derjenige ein guter Mensch ist. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland in einem Land leben, wofür man für jeden Furz ein Dokument braucht um zu dokumentieren, ja, ich kann einen Furz lassen. Und dann kann man es doch nicht, weil es nur ein Dokument ist und kein Beweis.

        Ich arbeite in einem Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeiter. Wenn ich mir die Campus-Hire-Manager ansehe, dann schüttel ich nur noch mit dem Kopf. Null Berufserfahrung, oft faul und alles Andere als Entscheidungsfreudig (es könnte ja sein, dass ich meinen Kopf dafür hinhalten muss). Es geht darum möglichst schnell befördert zu werden, was meist mit Hochloben endet. Tatsächlich gelingt es Ihnen und sie verkaufen es als ihren persönlichen Erfolg. Im Grunde sind solche Leute gute Verkäufer. Viel davor, nix dahinter. Es gibt Ausnahmen, aber die kann man an einer Hand abzählen und die werden meist verheizt, weil letzten Endes muss ja jemand die Arbeit erledigen.(Burnout lässt grüßen)
        Und Studieren im Sinne von alles auswendig lernen, kann mittlerweile auch fast jeder. Nichts für ungut.

        Und das viele Eltern ihre Kinder trotz Haupt-/Realschulempfehlung aufs Gymnasium schicken macht es nicht gerade besser. Dabei geht es nicht unbedingt um das Wohl des Kindes sondern um den sozialen Status der Eltern. (Ausnahmen gibt es natürlich immer)

        Vor Jahren war ich mal auf einer Gartenparty, da wurde mir diese Frage gestellt. Ich hab dann schön erzählt was beruflich mache. Dann wurde ich unterbrochen „ne, ne was hast Du studiert?“ Ich grinste die Person an und meinte: „nix“

        Das Gesicht dazu war unbezahlbar …

        …und trotzdem erwische ich mich selbst manchmal dabei wie ich eben diese Frage stelle. Dann frage ich mich selbst, ging es mir um Status oder echtes persönliches Interesse?

        …Soviel Selbstreflexion muss sein. Gelernt bei BWL. 🙂

        Schönen Tach noch!

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    3. Also meine Mutter kommt nicht von hier und hat gar keinen Schulabschluss. Mein Papa kommt auch nicht von hier und war LKW Fahrer. Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Ich habe eine Klasse auf dem Gymnasium wiederholt und ein freiwilliges soziales Jahr gemacht, weil ich mit dem Zeugnis keine Ausbildungsstelle gefunden habe. Es war ok, aber nicht gut. Ich hätte auch eine Ausbildung gemacht, wenn ich eine Stelle bekommen hätte. Hab dann nebenher gejobbt, und mich für ein duales Studium beworben und glücklicherweise auch bekommen. Studium dann als eine der besten des Jahrgangs abgeschlossen. Ich behaupte einfach mal, dass, sofern man nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, man sein Leben selbst in der Hand hat und auch erfolgreich sein kann. Wer wirklich etwas will, schafft es auch.

      Eingebildete Menschen mochte ich noch nie. @Seda ich habe mich als Teenie sogar mal geprügelt. Mit solchen Papa steckt mir alles in der Arsch Weibern.😂 Die haben meine Eltern beleidigt weil sie nur einfache Menschen sind. Ich glaube syrische Mädchen kämpfen ganz gut.😂😂

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    4. Hi zusammen, geiler Artikel. Muss einfach mal gesagt werden. Was studieren und Status angeht, ich komme aus einer Arbeiterfamilie, aufgewachsen einem kleinem abgelegenen Kuhdorf. Hier war es vor 20 Jahren auch wohl noch extrem unüblich, dass jemand studiert. Ist es schlimm ? – Nein. Hier hat fast jeder Trottel sein eigenes Haus mit Garten und Garage unter dem Hintern und lacht Leute aus, die in der Stadt in einem Mehrfamilienhaus leben müssen und dem Vermieter auf der Matte stehen. Autobesitzer sparen hier auch abgesehen von den Wohnkosten, einen Haufen Geld, da sie einfachere Wartung und Reparaturen an ihren Autos selbst erledigen können. Parken ist auch ein Thema. In der Stadt relativ schwer, wenn dein Auto 5cm falsch auf der Straße parkt oder in engen Tiefgaragen. Hier im Dorf haben es auch sehr viele Arbeiter mit Fleiß zu einem gewissen Wohlstand gebracht – Das hat man in der Stadt nicht so häufig. Ich kann Freunde zum Grillen auf der Terrasse einladen ohne von lästigem Verkehrslärm gestört zu werden – Im Gegenteil, ich hör sogar manchmal dezent die Kühe vom örtlichen Bauern muhen. Die Luft ist hier besonders an kühlen Sommerabenden so super angenehm. Ich bleib lieber weiterhin in meiner kleinen heilen Welt. Unstudierte Leute sind einfacher, aber auch direkter und klarer. Das ganze „ich bin ja so wichtig Getue“ finde ich lächerlich. Und viele High-Society-Bildungselite sind alles andere als Elite. Sowohl vom Hirn als auch vom Umgang mit anderen.

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      1. Das trifft doch recht gut zu. Ich habe übrigens auch keine Akademikereltern, aber beide Eltern sind nicht dumm und hatten vielleicht damals einfach nicht die Chancen die man heute so hatte. Ein Elternteil hat zumindest ohne akademischen Abschluss aber sich mit viel Fleiß sich ziemlich hochgearbeitet, zu einem Gehalt was locker mit vielen BWLern oder Ingenieuren mit halten kann. Ich vermutet dieses Elternteil hätte heute locker ein super Abi gemacht und ein gutes Studium hingelegt. Nur damals hieß es halt im ländlichen Umfeld „Gymnasium ist nur was für die übergescheiten, mach lieber eine Lehre“. Für die Menschen hier auf dem Land sind die Abiturienten schon jemand extrem gebildetes, ein Akademiker sowieso. Selbst wenn es nur Lehramt ist, gilt es als „hochstudiert“. Das lieht daran, dass keiner weiss was Studium ist. 🙂 Und Lehramt, naja. Und die jüngeren mich Bachelor, da wurde schon genug zu geschrieben. Mit einem Studium von vor 20 oder 30 Jahren hat das wenig zu tun. Wenn ich aber die Lebensqualität auf dem Land vergleiche, würde ich sagen, dass es da vielen Arbeitern und kleinen Angestellten besser geht als vielen Studierten in der Stadt. Wieso? Die gewohnte Umgebung mit Freunden und Familien verlassen für ein Studium? Überteuerte Großstadtmieten bezahlen für ein Wohnloch wo es auf dem Land eine herrlich schöne 100 qm Wohnung gibt? Bonzenlöhne erzielen, um sich eine große ETW leisten oder gar ein Haus kaufen zu können? Ärger mit Großstadt Gesockse die mitten in der Woche um 3 Uhr nachts Lärm machen? Nein, Nein, Nein und Nein. Auf dem Land dafür aber viele Menschen mit Herz, Nachbarschaftshilfe, eine Familie im Hintergrund, die einen unterstützt, die Oma passt kostenlos auf die Kinder auf, die jungen helfen den Alten, schöne Natur, saubere Luft, billigere Preise. Es lebe das Landleben ohne Studium. 🙂 

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    5. „Was machst du beruflich“ ist eine typisch deutsche Bewertungsfrage um den anderen in Schubladen zu sortieren. Mein Papa war Akademiker im Ausland, aber da wir Immigranten sind, musste er hier wegen der Sprachbarriere etwas anderes lernen und hat dann als angelernter Arbeiter gearbeitet. Er war sehr fleißig und pflichtbewusst, manchmal dachte ich deutscher als Deutsche. Ich wollte studieren, hab aber erst abgebrochen und fing dann doch bald wieder an. Er kann mir nicht wirklich helfen, weil er alles auf Arabisch gemacht hat und Deutsch spricht er zwar aber nicht auf so hohem Niveau. Meiner Erfahrung nach hat man im Ausland enorme Nachteile ohne Hochschulabschluss. Das System „Ausbildung“ gibt es dort kaum. Nur Studium oder angelernter Arbeiter. Die Tatsache, dass es in Deutschland eine Kastengesellschaft gibt, darf man nicht ausblenden. Ich habe wirklich viele Freunde aus aller Welt und viele bestätigen mir, dass die Deutschen eine besondere Charaktereigenschaft haben. Und zwar das „herabgucken“. Egal welche Position man hat, man schaut generell auf andere herab. Es gibt kaum Respekt für andere Lebensweisen. Die Bauern sagen, dass die Menschen in der Stadt alle „unnatürlich leben“ und die urbanen Menschen sagen, dass die Menschen auf dem Land alles Hinterwäldler sind. Die Arbeiter sagen, dass die Akademiker alles überbezahlte Fachidioten sind und die Akademiker sagen, dass die Arbeiter ungebildete Asis sind. Ich kann’s wirklich nicht mehr hören. Meine beste Freundin hat das mal so erklärt: „In einem Land wie Deutschland geht es wahrscheinlich gar nicht anders als sich eine Art Überlegenheitskomplex aufzubauen. Anders kann ich mir auch nicht erklären warum die Deutschen so erfolgreich sind.“ Eine ständige Bedrohung von allen Seiten durch sozialen Abstieg (wie das Wort schon sagt: SOZIAL), Bedrohung durch die Bewertung von anderen, Bedrohung nicht in das System zu passen. Ich versteh gar nicht warum es so schwierig ist zu verstehen, dass das deutsche System ungerecht ist. Es ist so offensichtlich, dass es mich einfach nur traurig macht, wenn Leute immer wieder mit haltlosen Argumenten versuchen ein faschistisches Schulsystem zu verteidigen. Es kommt zu 90% auf die Eltern an, ob du nun auf die Hauptschule oder auf Gymnasium gehst. Wenn die Eltern dahinter stehen und dich dahin leiten, dann wirst du den „richtigen“ Weg schon begehen. Eltern, die aber kein Interesse daran haben, weil sie zum Beispiel selber diesen Weg gar nicht kennen, können ihren Kindern kaum helfen oder wollen es gar nicht erst. Meine Mutter ist nun alles andere als gebildet (sorry Mama❤️) Aber als meine Grundschullehrerin gesagt hat, dass ich lieber auf die Hauptschule gehen sollte, hat meine Mutter sich (aus Arroganz?) dagegen entschieden. Ich studierte später BWL als Wirtschaftsingenieurin und kann nur glücklich sein, dass meine Mutter unserem Schulsystem den Mittelfinger gezeigt hat. (Danke Mama❤️)

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  8. Schöner Artikel! Das tückische ist hier auch die Lebensstilinflation und damit das stetige Gewöhnen an einen immer höheren Lebensstil. Wenn bei Einkommenserhöhungen nicht im gleichen Maße der Lebensstil erhöht wird, sondern ein Teil z.B. als Rücklage oder Investitionen genutzt wird, dann hätte eine Einkommenseeduzierung weniger direkte Auswirkung.

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  9. Der Wahnsinn, wirklich ein hammer guter Beitrag, der den Nagel auf den Kopf trifft.
    Du schreibst wahre Worte, die mich schon seit Jahren stören in unserer Gesellschaft.

    Menschen die gerade aus der Privat-Insolvenz raus sind und auf direkten Wege mit Corona Boost dort hin sind.

    Neid ist etwas schreckliches….

    Wirklich grandioser Beitrag.

    Gruß Stefan von

    Familien Finanzen im Griff

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  10. Hut ab Blackwater, wie immer triffst du den Nagel auf den Kopf. Es wird bei sehr vielen Menschen ein böses Erwachen geben.

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  11. Sehr guter Artikel als Vorbereitung auf das was da kommen kann und sehr wahrscheinlich ist. So kann jeder schon einmal überlegen, was einem persönlich wirklich wichtig ist. Die Fallhöhe jedes einzelnen ist sicher sehr unterschiedlich – die Frugalisten noch deutlich in der Unterzahl.
    Ich hoffe, durch das was da kommt, wird wieder mehr Phantasie ins Leben kommen und neue Ideen an Raum gewinnen.

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