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Video Aleppo


Blackwater
(@deepblackforest)
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Die Kriegsberichterstatter von WARCORR haben in Zusammenarbeit mit ANNA NEWS 2018 den Film Aleppo Earthquake produziert. Das Bildmaterial aus über 4 Jahren Drehzeit ist ein erschreckendes Zeugnis über die Ereignisse in und um Aleppo in Syrien zwischen 2012-16 und vermittelt ein völlig anderes Bild, als die damalige westliche Berichterstattung.

Durch die Aussagen von prominenten Persönlichkeiten und Bewohnern der Stadt in dem Film (aber auch meinen persönlichen Kontakten), werden schwerwiegende Falschaussagen(FakeNews) aus westlichen Nachrichtensendungen aufgedeckt. Heute ist das für die meisten nicht mehr von Belang. Aber wie kann man sich dann heute sicher sein dass stimmt, was man beispielsweise über den Ukraine-Krieg in den Medien gesagt bekommt?

Im Syrien-Krieg haben auch alle Beteiligten Kriegsverbrechen begangen. Das liegt leider in der Natur des Krieges, wie die Geschichte es zeigt.

Aber wie kam es dazu? Woher kamen die Waffen? Bestand der Aufstand in Syrien nur aus friedlichen Demonstranten? Gab es Einflüsse von außen, insbesondere aus dem Westen?

Aleppo Earthquake ist ein bitteres Zeugnis dafür, dass nichts ist wie es scheint. Schon gar nicht im Krieg.

 

Der Teaser zum Film:

 

Der Film ist eine Empfehlung für alle die, die wissen wollen, wie es damals in der Stadt war und wie der Krieg wirklich aussieht. Nichts heldenhaftes wie heute oft proklamiert, sondern einfach nur grausam und zutiefst bitter. Ca. 1,5 Stunden Aleppo, vom Anfang bis zum Ende. Dieses Investment als "Eye-Opener" sollte man machen.

Der Link zu ONEDRIVE, die Original Datei kann dort abgerufen werden: HIER.

 


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weip321
(@weip321)
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Veröffentlicht von: @deepblackforest

Nichts heldenhaftes wie heute oft proklamiert, sondern einfach nur grausam und zutiefst bitter.

Krieg ist NIE heldenhaft. War es nie, und wird es auch nie sein. Der Teaser alleine hat mich gerade schon sehr mitgenommen. Ich werde sehen, wann und ob ich mir den Film anschauen werde.

Veröffentlicht von: @deepblackforest

Der Film ist eine Empfehlung für alle die, die wissen wollen, wie es damals in der Stadt war und wie der Krieg wirklich aussieht.

Disclaimer: das nachfolgende ist meine rein persönliche Meinung!

Ich denke nicht, dass die meisten wirklich wissen wollen, was in den Kriegsgebieten weltweit tagtäglich abgeht. Viele, die sich aktuell empört und betroffen zeigen zu den Ereignissen in der Ukraine, wollten (und wollen) von anderen Konflikten nichts wissen. (ich klammere die Forenmitglieder hier bewusst aus)

Wenn man sich nämlich auch mit anderen Konflikten beschäftigt wird schnell klar, dass wir es weltweit mit verdammt viel Ungerechtigkeit zu tun haben. Und das meiste davon aufgrund geopolitischer Einflüsse und Interessen von Grossmächten. Die Red Pill lässt sich leider nicht rückgängig machen.


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himself63
(@himself63)
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Veröffentlicht von: @deepblackforest

Der Film ist eine Empfehlung für alle die, die wissen wollen, wie es damals in der Stadt war und wie der Krieg wirklich aussieht.

Ich habe den Film vor einigen Wochen schon mal in voller Länge gesehen und war danach......wie soll ich sagen....fix und fertig. Die 1:46 sind mir auch schon wieder heftig in die Magengegend gegangen. Einfach nur Wahnsinn und leider passiert es immer wieder. Der einzelne Mensch ist wie immer in solchen Zeiten nur ein kleiner Statist und manchmal selbst das nicht mehr. Kriege und auch die damit verbundenen Schicksale gehen uns glaube ich allen sehr nahe und machen uns wütend und traurig. Ich frage mich nur, was können wir und jeder einzelne von uns dagegen unternehmen? Ist die Antwort wirklich "Nichts"?


challani89, habanero1979, yasmeen90 und 7 weiteren Personen gefällt das
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weip321
(@weip321)
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Beiträge: 727
 

Da es zum Thema passt: nachfolgend ein Bericht aus Syrien von Karin Leukefeld (Original hier)

Für unsere Foristen aus Syrien: es ist sehr schwer für mich mir vorzustellen, was ihr durchgemacht habt und immer noch durchmachen müsst. Es nimmt mich wirklich mit, auch wenn euch das leider nicht weiterhilft. Es ist schwer, Worte dafür zu finden. Ich hoffe und wünsche mir, dass der Krieg in eurem Land endlich aufhört und ihr wieder in ein normales Leben zurückkehren könnt!

Der nachfolgende Bericht ist erschütternd, und ich möchte euren Schmerz nicht wieder aufflammen lassen. Er ist dafür gedacht, auch andere Menschen auf die Zustände in eurem Land aufmerksam zu machen. Falls ich damit Gefühle von euch verletzen sollte, schreibt bitte einen Kommentar hier im Thread. Das ist nicht meine Absicht!

Inwieweit hat sich die Lage in Syrien beruhigt? Was haben Sie nach Ihren beiden letzten Reisen dorthin für einen Eindruck gewonnen?

Karin Leukefeld Es gibt weiterhin militärische Auseinandersetzungen in Idlib, über die ab und zu berichtet wird. Auch die türkische Armee führt Angriffe im Norden und Nordosten des Landes durch, vor allem gegen Stellungen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die von den Kurden geführt werden. Vor kurzem hatten wir in Idlib auch einen gezielten Angriff der US-Armee auf einen Anführer von Al-Kaida, der dabei getötet wurde und mit ihm seine gesamte Familie und weitere Zivilisten. Die Uno hat diesen Vorfall kritisch kommentiert. Das sind die Frontlinien, die es aktuell gibt. 

Karin Leukefeld (Bild zvg)

 

Die Truppen der Türkei sind immer noch auf syrischem Boden aktiv und verletzten damit die syrische Souveränität?

Ja, die Situation hat sich von Seiten der Türkei sogar verschärft. Sie hat sowohl den Norden Idlibs als auch das Gebiet westlich von Aleppo, Afrin, unter Kontrolle. Ein Gebiet, das zu etwa 80 % von Kurden bewohnt war und 2018 von der Türkei besetzt wurde. Heute leben dort dschihadistische Gruppen, die von der Türkei unterstützt werden.

Wie sieht das im Norden an der syrischen Grenze aus?

Nördlich von Aleppo gibt es einen Streifen entlang der Grenze, in dem die Türkei versucht, eine Pufferzone 30 Kilometer tief in das syrische Territorium hinein einzurichten. Das macht sie zum Teil mit dem Bau einer Mauer. Nördlich von Aleppo, an der Autobahn, die von Aleppo in die Türkei führt, liegt der Ort Azaz. Dort verläuft zudem eine wichtige Schmuggelroute vom Nordosten nach Idlib. Die Türkei hat südlich der Stadt teilweise eine Mauer gebaut. Menschen, die dorthin geflohen sind, kommen kaum mehr aus dieser Stadt heraus.

Wie begründet die Türkei diesen illegalen Schritt?

Sie sagt, es sei, um die Menschen vor den syrischen Kurden zu schützen, aber de facto ist es eine illegale Landnahme durch die Türkei. Es ist ein sehr fruchtbares Gebiet, in dem es sehr viel Landwirtschaft und vor allem Olivenhaine gibt. Olivenöl und Oliven sind ein wichtiger Bestandteil der syrischen Landwirtschaft und der Agrarindustrie. In den Gebieten, die die Türkei kontrolliert – das heisst, sie ist dort entweder militärisch präsent oder mit Gruppen vertreten, die sie militärisch oder wirtschaftlich unterstützt – versucht sie, in den Schulen die türkische Sprache durchzusetzen. Es soll die türkische Fahne gehisst und die türkische Währung eingesetzt werden. Es gibt Postämter, in denen türkische Briefmarken verkauft werden. Es ist wie eine Kolonialisierung.

Hier liegt ganz offensichtlich eine Verletzung der territorialen Integrität Syriens durch einen Nato-Mitgliedstaat vor. Wo wird das thematisiert?

Die syrische Seite bringt das immer wieder auf, auch die Russen haben das im Uno-Sicherheitsrat thematisiert. Aber in der Uno ist der Einfluss des Westens so gross, dass bestimmte Themen nicht an die Öffentlichkeit dringen. Die Türkei als Nato-Mitglied macht das natürlich auch mit der Rückendeckung des Westens. Der sieht nicht nur zu, sondern die EU nutzt diese Territorien, um Hilfsorganisationen dort zu unterstützen und so Einfluss zu nehmen.

Diese doppelten Standards, die teilweise in der Uno herrschen, sind unglaublich…

Ich hatte mit dem syrischen Aussenminister ein Gespräch, der auch auf diese Vorgänge aufmerksam machte. Er hob hervor, dass selbst Vereinbarungen, die man mit dem Westen treffe, nicht umgesetzt werden könnten. Das geschieht selbst bei der Uno-Sicherheitsratsresolution 2585, die im Sommer 2021 verabschiedet wurde und die die grenzüberschreitende humanitäre Hilfe nach Idlib regelt, die es aus der Türkei immer noch gibt. In dieser Resolution ist aber auch festgehalten, dass es humanitäre Hilfe aus Syrien in die Gebiete geben soll, die von der Türkei kontrolliert und besetzt gehalten werden. Die Türkei verweigert das aber. Wenn diese Resolutionen, die zeitlich begrenzt sind, verlängert werden sollen, gibt es immer ein riesiges Medienspektakel. Und meistens heisst es dann, Syrien weigere sich, die grenzüberschreitende humanitäre Hilfe zuzulassen und hungere das eigene Volk aus. De facto ist es aber so, dass diese Hilfe, die in Gebiete unter der Kontrolle der Türkei kommt oder auch zu den Kräften im Nordosten des Landes, von politischen Akteuren genutzt wird. Diese Hilfe wird teilweise verkauft.

Wie geschieht das?

Die bewaffneten Gruppen in Idlib eignen sich diese Güter an, kontrollieren diese und verkaufen sie nachher an die notleidende Bevölkerung. Es gibt Berichte von den USA, die das untersucht haben und deswegen Lieferungen teilweise eingestellt haben, aber die EU ändert nichts an ihrer Praxis.

Es gab doch den Vorschlag, dass die Türkei gemeinsam mit Russland Patrouillen durchführen sollte. Wird das gemacht?

Ja, diese Patrouillen gibt es tatsächlich entlang der Autobahn von Aleppo nach Mosul. Das ist eine strategisch wichtige Verbindung. In Idlib gibt es die Patrouillen ebenfalls. Auch hier verläuft eine Autobahnverbindung zwischen Aleppo und Latakia. Das ist die grosse Hafenstadt im Westen des Landes. Diese Vereinbarung wird immer wieder durch Angriffe unterminiert, vor allem auf den russischen Teil der Patrouillen. Das sind Dschihadisten, die diese Angriffe durchführen.

Können die Patrouillen so ihre Aufgabe überhaupt wahrnehmen?

Das ist ein ständiges Hin und Her. Die Patrouillen werden nicht akzeptiert und darum immer wieder zur Zielscheibe. Es ist schwierig und mit ständigen Hindernissen verbunden, aber für Russland ist es eine Möglichkeit, die Türkei einzubinden. Die Politik Russlands in Syrien ist eine Gratwanderung.

Wie stellt sich das Leben für die Menschen in Syrien nach nahezu 11 Jahren Krieg dar?

Die Lage der Bevölkerung ist schlecht, besonders die Versorgungslage. Die Inflation ist sehr hoch, die Preise für Grundnahrungsmittel steigen fast täglich. Es ist schwierig, Arbeit zu finden. Manche Personen haben drei oder vier Jobs am Tag. Sie nehmen alles, auch wenn sie nur etwas austragen, um ein bisschen Geld zu verdienen, damit sie die Familie ernähren können. Durch die Inflation ist vieles sehr teuer geworden.

Wie steht es denn um die Energieversorgung im Land?

Die Versorgung mit Strom, Heizöl, Gas – damit wird in Syrien gekocht – ist ausserordentlich schlecht. Die Energieträger sind teuer. Bisher hat die Bevölkerung eigentlich – und das nahezu seit der Gründung der Syrischen-Arabischen Republik – die Grundnahrungsmittel, aber auch Benzin subventioniert bekommen. Das heisst, es gab feste Preise. Dafür brauchte es früher ein Familienbuch, jetzt hat man eine Smartcard eingeführt. Diese Unterstützung hat der Staat gerade jetzt beendet. Er kann das nicht mehr finanzieren.

Ist das ein Resultat der ganzen widrigen Umstände?

Um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, muss der Staat die Grundnahrungsmittel sowie Öl und Gas importieren und dafür bezahlen.

Warum das?

Weil dem Staat der Zugriff auf die eigenen Ressourcen verwehrt bleibt. Syrien hat genug Weizen, Syrien hat genug Gas, aber diese Gebiete liegen im Nordosten des Landes und werden von den SDF, den Kurden und den USA besetzt gehalten und kontrolliert.

Die grössten Ölfelder in Rmeilan und das Omari-Ölfeld sind ausgedehnte Gebiete, in denen Öl zu finden ist. Dort befinden sich US-amerikanisches und kurdisches Militär, genauer gesagt die kurdisch geführten SDF. Die grossen Weizengebiete nördlich des Euphrat in Hassakeh und in Raqqah werden von den gleichen Kräften kontrolliert. Die Öl-Ressourcen, die lange Zeit wild geplündert wurden, haben zu einer immensen Umweltverschmutzung geführt, über die niemand bei uns berichtet. Im Jahr 2020 hat ein US-amerikanisches Unternehmen mit den SDF einen Vertrag ausgehandelt, um dort in Rmeilan eine Raffinerie aufzubauen. Sie sollen dort Öl fördern, es säubern sowie raffinieren, um es anschliessend zu verkaufen. Es ist aber eine syrische nationale Ressource.

Heisst das, das Land verfügt nicht mehr über seine überlebenswichtigen Ressourcen?

Ja, das Land wird regelrecht ausgeplündert. Die einzigen, die das immer wieder thematisieren und auf das Unrecht hinweisen, sind Syrien selbst und die Russische Föderation. Es gibt zumindest einen Bericht von US-Aid, die staatliche Entwicklungshilfeorganisation des US-Aussenministeriums, die ganz klar sagt, dass die Sanktionen dazu führen, dass eine immense Inflation besteht und auf der anderen Seite der Schwarzmarkt und der Schmuggel gefördert werden.

Was geschieht mit dem geplünderten Öl?

Hier haben wir den gleichen Vorgang wie mit dem Weizen. Das Öl wird verkauft. Es gelangt zunächst über die Nordost-Grenze in den Nordirak und von dort in die Türkei. Diejenigen, die das Öl befördern, sind kurdische oder amerikanische Geschäftsleute, die dafür sorgen, dass es sichere Transportwege gibt, damit es mit Tanklastwagen herausgebracht werden kann. Das Öl wird z. B. auch nach Idlib geliefert sowie in die von der Türkei gehaltenen Gebiete westlich und nördlich von Aleppo. 

Wie kommt nun der Staat, der der rechtmässige Besitzer des Öls ist, zu seinem benötigten Erdöl?

Syrien importiert Öl aus dem Iran, was auch schon behindert wurde. Erinnern wir uns an die Festsetzung des iranischen Öltankers Grace 1 durch britische Sondereinheiten vor Gibraltar im Sommer 2019. Das geschah auf Anordnung der USA. Das Schiff wurde 6 Wochen lang festgehalten, bis ein Gericht dieses Piratenstück für illegal erklärte.

Und wie ist es mit dem eigenen Öl?

Ein syrischer Geschäftsmann kauft dort im Nordosten Öl ein und verkauft es dann an die syrische Regierung. Der Staat muss also für sein eigenes Öl bezahlen. Ich habe diese Transporte mit eigenen Augen gesehen. Als ich sie das erste Mal gesehen hatte, traute ich meinen Augen kaum. An der Grenze bei Manbij standen über 100 Tanklastwagen. Es kam einem vor wie eine Fata Morgana. Heute ist das formalisiert. Die LKWs fahren auf bestimmten Wegen, die bekannt sind. Auf diese Weise versuchen alle, von diesem Öl, das – wie gesagt – dem Staat Syrien gehört, zu profitieren. Die Geschäftsleute, die diesen Handel betreiben, können Einfluss auf die politischen Akteure nehmen. Die syrische Regierung ist de facto auf diese Geschäftsleute angewiesen, die das Öl einkaufen und an die Regierung weiterverkaufen.

Als der IS das Gebiet besetzt gehalten hatte, so erzählte mir ein türkisch-kurdischer Journalist vor einiger Zeit, hätten sie das Öl ausgebeutet und mit Tanklastwagen an die türkische Grenze gebracht und dort verkauft…

Ja, genau so war es. Als ich 2012, zu Beginn des Krieges, in Syrien war, traf ich Ingenieure, die in diesem Gebiet auf den Ölfeldern gearbeitet hatten. Dort gab es eine gut ausgebaute Infrastruktur für die Ingenieure und ihre Familien: Wohnanlagen, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten usw. Die Ölfelder waren vor dem Krieg in den Jahren bis 2010/11 von internationalen Ölfirmen komplett renoviert worden. Die syrische Bevölkerung, die dort gelebt und gearbeitet hatte, wurde von der «Freien Syrischen Armee» (FSA) vertrieben. Sie waren also Binnenflüchtlinge, die ich in der Nähe von Damaskus in einem Fussballstadion traf, in dem sie untergebracht waren. Nach der FSA hat die Nusra-Front die Ölfelder besetzt und 2014 kam der IS und hat das Öl gefördert. Die USA bombardierten mit Kriegsschiffen vom Persischen Golf aus die Ölanlagen mit der Begründung, dort sitze der IS und den müsse man jetzt vertreiben. Die Anlagen waren danach natürlich zerstört und die Umwelt massiv in Mitleidenschaft gezogen. In der Folge kamen die Kurden zusammen mit den USA in diese Region. Seitdem sind die Ölanlagen unter der Kontrolle der SDF, der Kurden und der USA.

Von diesem Vorgang und den ganzen Folgeschäden für Mensch und Umwelt spricht niemand.

Das ist leider so. Ich habe bei meinem letzten Besuch von einem Ingenieur, der die Umweltverschmutzung fotografiert hat, Fotos erhalten. Es ist verheerend. Wenn der Staat wieder die Kontrolle über diese Gebiete übernehmen kann, wird es eine grosse Anstrengung brauchen, diese Verschmutzung zu beseitigen, und das kostet viel Geld. Die Auswirkungen sieht man auch in Damaskus. Es gibt unzählige Personen, die schwer an Krebs erkrankt sind. Sie kommen vornehmlich aus Hassakah und Deir ez-Zor nach Damaskus, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Die gesundheitlichen Folgen dieser Verschmutzung sind enorm.

Hat sich trotz dieser Umstände das Leben der Menschen etwas «konsolidiert»?

In gewisser Weise schon, aber auf einem unerträglich niedrigen Niveau. Die Menschen können sich bewegen, sie sind nicht mehr in Gefahr durch kriegerische Auseinandersetzung, aber die Armut ist sehr hoch. Es gab Proteste, als der Staat die Subventionierung für die meisten Menschen in Syrien eingestellt hatte. Auch in den Medien und den sozialen Medien gab es Interviews, bei denen die Empörung darüber deutlich wurde. Aber auf der anderen Seite weiss die Bevölkerung auch, in was für einer schwierigen Lage die Regierung sich befindet.

Gibt es einen Aufbau von ziviler Infrastruktur?

Bereits nach 2016, als Aleppo wieder unter der Kontrolle der Regierung stand, hat man Strassen, Brücken, die Wasserversorgungssysteme, die Elektrizität und Krankenhäuser wieder hergestellt. Aber das geht natürlich alles sehr langsam, weil wenig Geld zur Verfügung steht. Gerade bei Krankenhäusern ist es sehr schwierig, die nötigen Gerätschaften zu besorgen, weil Syrien auch nicht die nötigen Devisen besitzt, und das alles zusätzlich zu den bestehenden Sanktionen. Auffällig ist auch, dass sehr wenig Wohnraum wieder hergestellt worden ist. Die Zerstörungen in Homs, in Damaskus und Aleppo sind weiterhin vorhanden.

Woran liegt das?

Es hat damit zu tun, dass es sehr viel privaten Wohnraum gibt von Menschen, die geflohen sind. Von der Gesetzeslage ist es schwierig, dort tätig zu werden. Ausserdem fehlt das Geld. Der Staat will, dass der Westen hilft oder auch die Golfstaaten, die durch die Unterstützung der bewaffneten Gruppen massgeblich zur Zerstörung beigetragen haben. Man sieht privaten Aufbau. Das geschieht durch Privatpersonen, die Geld haben und Häuser wieder errichten oder Geschäfte wiederherstellen, aber nur sehr wenige. Auffällig ist, dass Teile der Altstadt von Aleppo restauriert werden: Moscheen und Kirchen. Dafür scheint Geld vorhanden zu sein, das von aussen kommt. Wenn man die Situation der Bevölkerung sieht, fragt man sich natürlich, warum Moscheen wieder aufgebaut werden, aber nicht die Wohnhäuser. Es ist eine ganz schwierige Lage. Dazu muss man sagen, dass Gebiete mit Hilfsgeldern und Aufbauprojekten unterstützt werden, die nicht unter der Kontrolle der syrischen Regierung stehen.

Wer ist daran beteiligt?

Die EU, Deutschland, die USA haben mit einigen Golfstaaten Fonds aufgelegt, um in diesen Gebieten die zivile Infrastruktur wieder aufzubauen. Das gilt aber nur für die Gebiete, die nicht von Syrien kontrolliert werden. Im kurdischen Gebiet werden z. B. Krankenhäuser gebaut oder Gas- und Stromleitungen gelegt, Strassen wiederhergestellt etc. Die ökonomische Lage in den kurdischen Gebieten, die auch nicht durchgehend kurdisch sind, wird von der Bevölkerung als sehr viel besser beschrieben als in dem Rest des Landes, weil sie, gelinde gesagt, mehr Geld zur Verfügung haben und z. B. das Öl viel billiger bekommen. Viele arbeiten auch für die USA oder für ausländische NGOs oder die SDF. Da werden ganz andere Gehälter bezahlt. 

Aufgrund Ihrer eindrücklichen Schilderungen scheint mir die Lage wenig aussichtsreich. Gibt es nirgends kleine Fortschritte?

Doch, es gibt einen kleinen Lichtblick. 1,2 Millionen Menschen sind auch aus den Nachbarländern nach Syrien zurückgekehrt. Dazu zählen die Binnenflüchtlinge, die innerhalb von Syrien vertrieben wurden. 800 000 im eigenen Land Vertriebene konnten wieder in ihre Heimat zurückkehren. Es gibt grosses Interesse von Flüchtlingen in der Türkei, in Ägypten, in Jordanien, im Libanon wieder zurückkehren zu können. Diese Rückkehrwelle wurde gebremst durch das Corona-Virus. Sie konnten nicht aus- oder einreisen. Sie mussten sich testen lassen, das kostet alles sehr viel Geld. Das wurde nicht unterstützt, und so ist diese Rückkehrwelle seit 2020 gebremst. Die syrische Regierung sowie Oppositionelle in Syrien aber auch die Regierungen in Jordanien und Libanon wünschen sich mehr internationale Unterstützung für die Rückkehr der Menschen.

Die Länder um Syrien sind auch schwer von den Flüchtlingen belastet…

Der Libanon hat öfters gesagt, er würde die Rückkehr der Menschen unterstützen, weil es für das kleine Land ein Riesenproblem ist. Aber die Uno, die in der Regel Rückkehrwillige unterstützt, tut es in diesem Fall nicht, weil die Geberländer für diese Uno-Rückkehrprogramme in Europa oder den USA das Geld dafür nicht freigeben. Wenn sie Geld für die Flüchtlinge spenden, dann nur, wenn sie in den Lagern bleiben, aber nicht als Unterstützung für die Heimkehr der Syrer in ihr Land.

Wenn man das alles so hört, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Land Syrien weiterhin attackiert wird, aber auf einer anderen Ebene. Wenn man Geld für Moscheen hat, das von aussen kommt, aber den Menschen in ihrer schwierigen Situation nicht hilft, dann sind doch andere Mechanismen im Spiel.

Ja, das Geld für die Moscheen ist privat gesammelt worden. Die grosse Umayyaden-Moschee in Aleppo wird von einer Stiftung aus Tschetschenien finanziert. Die Restaurierung der Altstadt von Aleppo übernimmt die Aga-Khan-Stiftung. Es sind ausländische Stiftungen, die sich nur darauf konzentrieren.

Führt das nicht zu Unmut in der Bevölkerung?

Die syrische Mentalität spielt hier eine grosse Rolle. Die Menschen sind gläubig, und sie sind sehr gelassen. Sie ergeben sich in dieses Schicksal und versuchen, für sich das Beste daraus zu machen. Man hört von manchem zornige Reden, aber es ist nicht so, dass die Bevölkerung jetzt massiv auf die Strasse geht, um zu protestieren. Sie sagen: «Wir haben keine Zeit zu protestieren. Unser Leben verlangt von uns, dass wir das Beste daraus machen, schauen wir, wie wir über die Runden kommen.» Es gibt sicher Spannungen auch unter den Syrern, z. B. zwischen denjenigen, die für ausländische Hilfsorganisationen arbeiten, auch für die Uno – die verdienen gutes Geld und gleichzeitig entsteht eine neue Elite – und denjenigen, die keinen Zugang zu solchen Jobs haben. Häufig sind das Nachbarn und man weiss, wer einen guten Job bei der Uno hat. Insgesamt kann man nicht sagen, dass sie auf die Barrikaden gehen. Man arrangiert sich mit der Situation.


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salihaalmawardi
(@salihaalmawardi)
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Veröffentlicht von: @weip321

Für unsere Foristen aus Syrien: es ist sehr schwer für mich mir vorzustellen, was ihr durchgemacht habt und immer noch durchmachen müsst.

🥺🥺🥺🥺ich war noch ein kleines Mädchen aber auch heute habe ich manchmal sehr schlimme Träume. Aber nur noch selten. Herzensschmerz habe ich mehr wenn ich sehe wie schön mal alles vor dem Krieg war, vieles wird aber auch jetzt wieder aufgebaut. Zum Beispiel Aleppo wird schon länger wieder aufgebaut, vieles wissen es nicht. Leider gibt es viele Probleme wegen diesem Thema Sanktion. USA und Europa blockt alles. Wenn es mal vorbei ist wird es schneller gehen.


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weip321
(@weip321)
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Beiträge: 727
 

Habe mir den Film letzte Woche angeschaut. Er ist erschreckend und nimmt einen wirklich mit.

Aus meiner Sicht wäre diese Dokumentation ein Pflichtprogramm für jeden (Politiker, Bürger etc), welcher eine weitere Eskalation im Ukraine-Krieg befürwortet.


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Blackwater
(@deepblackforest)
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Beiträge: 2155
Themenstarter  

@weip321 Das ging mir damals auch so, ich war fassungslos und erschreckt. Und der Film kam zu einer Zeit, als die Medien hier etwas völlig anderes berichteten. Einer der vielen Punkte, die mich mehr und mehr zum Nachdenken brachten.

Veröffentlicht von: @weip321

Pflichtprogramm für jeden (Politiker,

Hier habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass die meisten Politiker nicht besser informiert sind als jemand, der sich in das Thema wirklich einarbeitet. Dazu noch der Lobbyisten Einfluss.

Oder plastisch formuliert: eine Ricarda Lang von den Grünen denkt eher an ihr nächstes Schnitzel, als sich mal eine Reportage von Kriegsberichterstattern anzusehen.

 


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