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Das Ikigai-Problem

Moin Leute,

wollte mal ein wenig darüber schreiben, wie ich zu meinem Nutzernamen komme und was damit zusammenhängt. Vielleicht hat ja jemand von euch interessante Gedanken für mich, oder kennt meine Situation.

“ikigaimondai“ setzt sich aus den beiden japanischen Wörtern 生き甲斐 (ikigai, etwa: „Grund, um am Leben zu sein“, aber auch „Lebenszweck“) und 問題 (mondai, etwa: Frage, Problem, Kontroverse) zusammen. Es geht also zunächst mal um das Problem, den Zweck oder das Ziel des eigenen Lebens zu erkennen und dem nachzugehen.

Dabei verbindet Ikigai idealerweise vier Bereiche miteinander:

  • Was man gerne macht.
  • Worin man gut ist.
  • Was die Welt braucht (bzw. eine Nummer kleiner die Gemeinschaft, in der man lebt).
  • Womit man seinen Lebensunterhalt bestreiten (profaner: Geld verdienen) kann.

In der Mitte – bei einer Tätigkeit, die alle Bereiche abdeckt – liegt Ikigai.

Das Fehlen eines der drei Aspekte bringt nun jeweils ein spezifisches Problem mit sich:

  • Fehlt der Aspekt des „ich mache das gerne“, lebt man gemütlich vor sich hin, aber fühlt sich leer.
  • Fehlt der Aspekt des „ich bin gut darin“, ist man zwar im Prinzip zufrieden mit sich selbst, aber oft auch tief verunsichert.
  • Fehlt der Aspekt des „damit kann ich Geld verdienen“, dann wird es nichts mit Vermögensaufbau - freischaffender Künstler auf dem Weg in die Altersarmut.
  • Fehlt der Aspekt des „die Welt braucht das“, kann man zwar zufrieden sein, fühlt sich aber letztlich doch irgendwie nutzlos.

Schreibe ich nun alle Dinge auf, die ich tue (beruflich wie privat), so erfüllen praktisch alle davon zwei Kriterien; einige auch drei. Aber keins alle vier. (Lediglich „Singen“ erfüllt nur ein Kriterium, sehr zum Leidwesen meiner Familie, denn da halte ich es mit Florence Foster Jenkins: „Man mag sagen, dass ich nicht singen kann; aber es wird nie jemand sagen können, dass ich nicht gesungen habe.“)

Als ich noch studierte – meine Güte, das ist inzwischen 15 Jahre her! – hatte ich im Wesentlichen drei Ziele: Ich wollte eine Familie haben (bin verheiratet mit zwei Kindern: check!), einen guten Job (bin im Mittelmanagement eines Konzerns: check!) und einige Jahre im Ausland leben (je ein knappes halbes Jahr Russland und Indien, dreieinhalb Jahre Japan und aktuell seit knapp drei Jahren in Südostasien: check!). Jetzt bin ich Anfang 40, das ist vielleicht schon Midlife-Crisis-Territorium, und ich denke immer wieder an Martins Artikel zu den „ungelebten Leben“.

Wie komme ich in so einer Situation weiter? Es gibt ehrlich diese Momente, in denen ich phantasiere, mein Leben würde besser wenn mein Arbeitgeber mir sagen würde „Sorry, ikigaimondai, wir brauchen dich hier nicht mehr, hier ist deine Abfindung.“ Einfach, weil es den Zwang erzeugen würde, etwas anders zu machen, sich neu zu orientieren. Wachsen durch Krise. Aber ich bin (zumindest derzeit) Alleinverdiener und damit eigentlich nicht in einer Situation, in der ich leichtfertig mit meinem Salär spielen sollte, daher scheue ich den Sprung von meiner Seite anzugehen.

Und dann sind da natürlich diese Momente, in denen ich mich frage, wie es wohl wäre, wäre ich an der einen oder anderen Stelle meines Lebens anders abgebogen. Wäre ich heute glücklicher? Oder nur anders (un-)zufrieden? Ich bin nicht der Typ Mensch, der groß Dinge bereut, also weine ich mich nicht in den Schlaf ob der vielen Dinge, die ich so oder so gemacht habe, aber eine Was-wäre-wenn-Maschine wäre mal echt interessant.

Man sagt, dass die Lebenszufriedenheit bis Mitte 40 abnimmt, und dann wieder ansteigt. Darauf hoffe ich, aber irgendwie ist das ja auch schon ein Offenbarungseid...

So, das ist jetzt doch ein wenig konfus geworden, tut mir leid. Aber es fühlt sich gut an, das mal so aufgeschrieben zu haben. Kennt jemand von euch so etwas? Habt ihr eine Idee, wie ich von hier aus weiterreisen könnte? Bin für jeden Impuls dankbar.

Hallo,

fassen wir mal kurz zusammen.

Du bist reich an...

...bedingungsloser Liebe deiner Frau, Kinder, Eltern, Geschwister.

... guter Nahrung, kannst dich in Südostasien gut und lecker ernähren.

...an angenehmem Klima, so ist es zumindest in Singapur, Malaysia oder Thailand wo du nun wohnst.

...an materiellen Dingen und Einkommen.

...an Kurzweil, da deine Arbeit vermutlich sehr kurzweilig ist und auch dein Familienleben mit Kindern sehr kurzweilig ist.

...an guter medizinischer Versorgung wenn du genug Geld auf den Tisch legst.

...an guter Bildung (Studium).

...an Auswanderungserfahrung...davon träumen hier ja so einige.

mrsblackwater hat auf diesen Beitrag reagiert.
mrsblackwater

Du bist vielleicht arm an...

...Augenblicken des zur Ruhe kommens.

...Abwechslung, sowohl Arbeit als auch Familie bestehen aus lauter Routinen und Verpflichtungen. Selbst das Klima ist abwechslungsarm, du kannst dich nicht auf den Frühling zum Beispiel freuen.

...Freizeit, im mittleren Management kommt man vermutlich nicht mit 38 Stunden pro Woche aus.

...Krisen wie etwa einer schweren Krankheit, die dich manches anders betrachten lässt, zumindest für eine Weile.

...konkreten Zielen. Wir Menschen fühlen uns fast immer am besten auf dem Weg zu einem Ziel und seltener nach Erreichen des Ziels.

...Spiritualität. Vielleicht hast du ja auch geistigen Hunger.

...Freiheit, weder bei deinem Job, noch als Familienvater bist du wirklich frei in deinen Entscheidungen.

...häufig vorkommender Vorfreude auf etwas.

Hallo Ikigaimondai, 

 

zunächst einmal vielen Dank für diesen Einblick in dein Leben und deine jetzige Situation. Es ist immer schwierig aus der eigenen Komfortzone rauszugehen. Vor Allem wenn diese Entscheidung auch die ganze Familie betrifft.

 

Aber bevor ich jetzt weiter schreibe, muss ich hier mal erwähnen, ich bin ein neugieriger Mensch und interessiere mich immer für Menschen, Kulturen etc. -  und manchmal bin ich auch zu direkt. Sorry schon mal hierfür! Eine Frage, dich mich brennend interessiert -schon seit dem Du dich vorgestellt hast- ist: wie habt ihr das mit der Schule für Eure Kinder gelöst? Übernimmt das Home Schooling deine Frau? Ist ein bisschen off-topic und du musst natürlich auch nicht antworten.

 

Zurück zu dem Ikigai Thema. Als Familienvater und Alleinverdiener freiwillig aus der Komfortzone zu springen ist echt taff. Und natürlich fällt es einem immer leichter wenn man durch Jobverlust springen muss. Von daher kann ich deine Bedenken voll und ganz verstehen. Möglicherweise wird eure "Situation" auch durch die aktuelle Pandemie verstärkt. Ich schätze selbst in Asien ist das Leben nicht "normal". Aber die Frage die ich mir persönlich stelle ist: muss man denn immer gleich große Sprünge machen? Vielleicht helfen hier schonmal kleine Schritte? Irgendwer hatte hier auf seiner To-Do Liste die Bibel/Torah/Koran zu lesen. Mir hilft es auch, sich mit der Natur zu beschäftigen. Oder gemeinnützige Arbeit zu leisten. Und damit meine ich nicht nur Spenden. Sondern vor Ort etwas leisten - etwas was man sicher auch als Familie oder Ehepaar machen kann. Das steht auf jeden Fall noch auf meiner Liste. So wie ich dich verstanden habe, geht es darum eine Leere sinnvoll zu füllen. Was es letzen Endes ist, muss jeder für sich entscheiden. Aber ohne es Auszuprobieren geht es wohl nicht. (@Mr. Blackwater - wehe du wirfst mich wegen dieser Aussage ins kalte Wasser - haha 🙂 )

Mal sehen wo euch die Reise hinführt! 

P.S.: ich singe auch gern und Mr. Blackwater ist ein sehr geduldiger Mensch. 

@habanero1979

Du fasst den Reichtum sehr gut zusammen, und auch deine Diagnostik potentieller Mangelthemen ist nicht schlecht - mit Ausnahme von Krisen (da gibt es zzt. außer Corona nichts) und Spiritualität. Ich fühle mich spirituell angekommen, und zwar außerhalb von Religion. Das eigentliche Problem ist in der Tat die Abwesenheit von konkreten Zielen, das hatte ich ja auch schon in meinem Eingangspost geschrieben.

@mrsblackwater

wie habt ihr das mit der Schule für Eure Kinder gelöst? Übernimmt das Home Schooling deine Frau?

Unsere Kinder gehen auf eine internationale Schule. Also... theoretisch, denn praktisch ist gerade aufgrund von Corona Home Learning angesagt. Und da ich in der Regel um 6:30 das Haus verlasse und meistens erst zwischen sieben und acht abends wieder heim komme, bleibt das natürlich an meiner Frau hängen. Die Arbeitszeiten sind sicher auch einer der Hauptgründe, warum ich gefühlt zu so wenig komme zurzeit - unter der Woche bleibt schlicht keine Zeit, und am Wochenende steht dann immer viel Kram an, der während der Woche liegen bleibt.

@ikigaimondai

Danke für die Erklärung des Modells. Kannte ich noch nicht. 

Ich kann Deine Gedanken in einer gewissen Weise nachvollziehen. Die Pauschallösung gibt es dafür sicher nicht, weil auch das Ikigai für jeden Menschen anders ist. Ich hatte mit Ende 30 ein ähnliches Thema: Relativ nette Karriere in einem amerikanischen globalen Industriekonzern und dann in einer Unternehmensberatung. Irgendwie war dann die Luft raus und ich konnte mir nicht vorstellen, dass noch 25 Jahre zu machen.

Meine Lösung war, mich selbstständig zu machen (das Thema war mir damals fast egal). Das mache ich seit >20 Jahren und ich habe es trotz "ups and downs" nie bereut. Alles funktioniert ist meins, und alles was nicht funktioniert, habe ich verbockt. Mir gibt das die Freiheit, die ich für mich brauche. Mit Bezug auf das Ikigai: Ich bin deutlich besser, wenn ich in einem Umfeld bin, in dem mir niemand sagt, was ich zu tun und zu lassen habe.

Aber wie gesagt, das war meine Lösung. Deine kann eine ganz andere sein.

 

 

 

ikigaimondai und mrsblackwater haben auf diesen Beitrag reagiert.
ikigaimondaimrsblackwater

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