„Menschen schlafen, wenn sie sterben, werden sie aufwachen„
Alī ibn Abī Talib (um 600 – 661)
Syrien ist ein Teil meines Lebens und mit diesem Artikel versuche ich diesem Land und seinen Menschen Ehre zu erweisen. Das Land und seine Geschichte begleitet mich nun schon über 15 Jahre meines Lebens und das fast jede Woche. Ich kann nicht erklären welche Faszination es letztlich war, die mich so angezogen hat. Aber ich kann davon berichten, wie es anfing und ein wenig die Geschichte der letzten Jahre teilen. Wie es von hier aus weiter geht, an diesem Nullpunkt in Syriens Geschichte, das weiss nur Gott allein.
Mein erster Kontakt zu Syrien war etwa im Jahr 2007. Ich arbeitete bei einer grossen deutschen Bank und hatte dort auch Syrer als Kunden. Das war, bevor das Land auf Sanktionslisten westlicher Staaten landete und bekanntlich vor dem „arabischen Frühling“. Zu diesem Zeitpunkt war der multiethnische und multireligiöse Staat Syrien stabil und sicher. Syrien war das erste arabische Land, mit dem ich mich überhaupt beschäftigt habe und mein Einstieg in diese Welt. Und damit auch mein Weg zu einer tieferen Spiritualität durch den Islam. Meine syrischen Kunden waren sehr herzlich und luden mich, nachdem wir uns besser kannten, nach Syrien ein. Das war um 2010 herum und noch niemand ahnte, welcher Sturm über das Land und seine Menschen aufziehen würde. Und ich – ich flog nicht nach Syrien. Ich war noch nicht so weit, nicht mutig genug und vielleicht auch nicht neugierig genug. Und hier kommt die erste Lektion: Wenn euch ein Land, seine Kultur, Religion und die Menschen interessiert, dann besucht es so schnell wie möglich. Denn so ein Zeitfenster kann sich schnell schliessen. Das hat mich diese Erfahrung gelehrt.
Der Krieg begann 2011 und meine damaligen Kunden verloren ihre Konten, da sie syrische Pässe hatten und Syrien auf den US-Sanktionslisten landete. Meine Kunden kehrten nach Syrien zurück und ich hatte noch ein gutes Jahr Kontakt bis Ende 2012, dann hörte ich nie wieder etwas von ihnen. Bis heute weiss ich nicht was passiert ist. Ich habe den Krieg fast wöchentlich verfolgt. Daher hat mich dann auch das Jahr 2015 nicht wirklich überrascht, als die grosse Flüchtlingskrise begann. Diese Krise sollte nicht nur Syrien, sondern auch Deutschland für immer verändern. Und es sollte mich verändern. Denn in gewisser Weise waren die Auswirkungen dieser Krise der Grund, warum ich letztlich zum Islam fand und damit auch mein spirituelles Zuhause. Gott war mir immer wichtig im Leben, aber bis dahin hatte ich immer nur mit Menschen zu tun, bei denen das eher nicht so war oder nur sehr vordergründig. Letztlich war der arabische Zugang zum Islam für mich der richtige. Die meisten Kontakte zu Syrern die ich heute habe, sind alle die Folge des Syrienkriegs bzw. der Flüchtlingskrise von 2015. Syrer sind ein wenig eigenwillig und manchmal leicht paranoid, aber unglaublich herzlich. Bei dem Gedanken muss ich lachen, aber das ist wohl auch eine Folge ihrer Lebensumstände. Viele Syrer sind in ihrem Ursprung eigentlich Palästinenser, was man auch schnell herausfinden kann, indem man nach den Ureltern fragt oder mal schaut, ob der berühmte Schlüssel (zum alten Haus der Ureltern) irgendwo an einer Wand aufgehängt ist. Vertriebene von 1948. Aber im Laufe der Jahrzehnte hat sich eine eigene Mentalität heraus gebildet und sogar eine eigene Sprache. Der arabische Shami-Dialekt, eine Unterart des levantinischen Arabisch. Und auch die Küche ist zwar der libanesischen und palästinensischen ähnlich, aber nicht gleich. In Syrien hat sich insgesamt eine komplett eigene Kultur entwickelt, innerhalb all der arabischen Nachbar. Interessanterweise gelten Syrer (sowohl Frauen als auch Männer) als sehr romantisch und es gibt aus diesem Grund auch viele gemischte Ehen mit Ägyptern (die wiederum als sehr humorvoll gelten). Auch als Ausländer unter Arabern würde ich das so von meinen Erlebnissen her bestätigen.
Nun ist Syrien kein Land der Muslime alleine, wie es vielleicht manche meinen. Es ist ein Land der ersten Kirchen des Christentums, wo man noch heute die Sprache Jesu spricht. Aramäisch. Es ist ein Land von Christen, Drusen, Beduinen, sunnitischen Muslimen und der Shia. Und auch unter diesen Gruppen gibt es viele weitere Untergruppen. Syrien ist eine absolut faszinierende Mischung an Menschen und einmalig im Nahen Osten. Auch andere Länder hatten diese Vielfalt vor westlichen Interventionen (angefangen mit dem, was die Briten dem Nahen Osten angetan haben) und all den Kriegen und das über viele Jahrhunderte. In Syrien hat sich diese Vielfalt sehr lange halten können, was an der Regierung durch den al-Assad Familienclan lag und das zeigt wie ambivalent Geschichte sein kann. Die Assads kamen letztlich durch die Baath Partei an die Macht und offiziell ist Syrien eine sozialistische Republik gewesen, sehr ähnlich dem Irak. Aber nach und nach wurde daraus eine Diktatur mit vielen Geheimdiensten. Der Vater von Bashar al-Assad, Hafiz al-Assad war Luftwaffenoffizier und der Luftwaffengeheimdienst wurde einer der mächtigsten Dienste in Syrien. Die meisten Syrer konnten mit diesem System aber halbwegs leben und sahen die Stabilität als Vorteil. Und hier kommt die nächste Lektion: Werden diese Systeme geschwächt, so undemokratisch sie auch sein mögen, dann kommt danach Bürgerkrieg und Chaos. Siehe Irak, siehe Libyen. Und in diese Kriege mischen sich alsbald die Grossmächte dieser Welt ein. Also stellt sich die Frage, kann es überhaupt ein anderes Syrien geben, als das wie es unter der Familie Assad war?
Wenn man die Geschichte Syriens ab seiner Unabhängigkeit im Jahr 1946 bis zur Machtergreifung von Hafiz al-Assad anschaut, dann muss man klar sagen, nein. Und die Geschichte ab heute wird zeigen, ob ich falsch liege. Die Bitterkeit liegt darin, daraus die Erkenntnis ziehen zu müssen, dass es im Nahen Osten nur Frieden gibt, wenn diese Länder undemokratisch sind. Und dem wird jeder zustimmen müssen. Denn auch ein nun mögliches Kalifat ist keine Demokratie, aber dazu später mehr. Die Demokratie – einst von den Griechen erfunden – sie ist ohnehin überall auf der Welt auf dem Rückzug. Und so oder so wohl kein Modell für die Kulturen der Menschen des Nahen Ostens, egal welche Konfession diese haben. Wie fühlt man sich mit dieser Erkenntnis? Ernüchtert? Ich weiss es selbst nicht. Syrien hat eine inhärente Tragik, die über seine Staatsgrenzen hinaus geht. Aber was letztlich alles in den Schatten stellte, ist was dann ab 2011 begann.
Im Jahr 2010 listete der Reiseteil der NY Times die „31 besten Orte der Welt“ auf. Und Damaskus – die Hauptstadt von Syrien – war auf Platz 7! Im Jahr 2010 erschien in der Zeitschrift Vogue ein schöner Artikel über Asma Assad, die First Lady von Syrien. Unter dem Titel „Eine Rose in der Wüste“ wurden all ihre großartigen Leistungen in den Bereichen Bildung, Theater, Wohltätigkeit, Krankenhäuser usw. beschrieben. Asma Assad wurde im Vereinigten Königreich geboren und wuchs dort auf, wo sie ihren Mann, einen Augenarzt, kennenlernte. Bashar al-Assad, der Augenarzt, galt als demütiger und sehr freundlicher Mann, wie ihn viele in dieser Zeit beschrieben. Und Syrien unter Bashar al-Assad war säkular und relativ gemäßigt.
Sunniten, Schiiten, Christen, Alawiten, Kurden, Armenier und viele andere kamen miteinander aus. Die Syrer liebten Assad und ihr findet noch heute viele spontan aufgenommenen Videos von Syrern aus dieser Zeit. Er konnte in Damaskus und Syrien ohne große Sicherheitskräfte herumlaufen und herumfahren. Tatsächlich liebte ihn auch die arabische Welt außerhalb Syriens, da man schlechtere Führer gewohnt war. In einer Zogby-Umfrage von 2009 – einer amerikanischen Firma – war Assad der beliebteste Führer in der Region! Es gab noch mehr solcher Umfragen und Berichte im Westen und so kann nicht gesagt werden, dass das Fake gewesen wäre und die Ergebnisse durch Einschüchterung entstanden wären. Bis heute kann nicht im Detail gesagt werden, durch welche Einflüsse diese Stimmung ab 2011 sehr schlagartig kippte. Fakt ist, dass diese Entwicklung sehr schnell lief und sehr schlagartig Waffen und Kämpfer aus dem Ausland in das Land eingeschleust wurden. Wer mehr dazu wissen will, dem empfehle ich die Quellen in dem Quellenthread im offenen Forum. Alles kann dort im Detail nachgelesen werden. Außerdem empfehle ich die Dokumentation über den Fall und die Rückeroberung Aleppos. Eine Dokumentation von Kriegsberichterstattern, die über 3 Jahre vor Ort waren und mit Menschen aus allen Konfessionen und Gruppen in Aleppo sprachen. Was in Aleppo geschah ist, was in ganz Syrien geschah und ich empfehle genau hinzuhören, wenn es um die Themen Freiheit und Demokratie für Syrien geht. Zur Dokumentation kommt hier hier:
Hinweis: Viel kognitive Dissonanz für westliche Zuschauer und manches ist FSK18, daher müsst ihr bei YouTube angemeldet sein um die Dokumentation zu sehen. Danach werdet ihr innerlich aufgewühlt sein, euch belogen vorkommen. Manche werden es nicht ertragen. Das ist die kognitive Dissonanz. Diese Dokumentation ist die rote Pille – danach gibt es kein zurück.
Die Quellen zu meinen Artikelaussagen kann jeder HIER ansehen. Was ich schreibe sind Fakten und nicht einfach meine persönliche Meinung.
Syrien ist keine Demokratie gewesen und kein Land mit grosser persönlicher Freiheit. Das Leben dort basierte auf einem Agreement. Zunächst mit der Baath Partei und später mehr und mehr mit der Familie Assad und der Familie Makhlouf. Aber die Assads haben mit der Nachfolge durch Bashar al-Assad durchaus für ihr Volk gehandelt und das belegen die damaligen Berichte – auch von westlichen Medien und Umfragen. Anders als bei Irak Saddam Husseins (und selbst dem trauern viele heute nach wenn man sieht, in welchem Zustand der Irak heute ist), war Bashar al-Assad und seine Frau Asma daran interessiert das Land voran zu bringen. Die Prozesse im Vorfeld des „arabischen Frühlings“ stoppten das alles. Und dass der „arabische Frühling“ eine durch westliche Geheimdienste ausgelöste Revolution war, wird heute ganz offen zugegeben. Dass man das vorhat, wurde schon ab 2007 ganz offen kommuniziert. Die Quellen dazu sind ebenfalls in dem Quellenthread zu finden.
Ab 2011 begann ein beispielloser Zivilisationsbruch, der an Gewalt und Grausamkeit alles in den Schatten stellte, was die Welt bis dahin gesehen hatte. Die Brutalität und Grausamkeit des Syrienkriegs war derartig beispiellos, dass der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan davon schockiert war (HIER). Der Krieg in Syrien wurde oft als „Bürgerkrieg“ bezeichnet, in Wirklichkeit war und ist er das nicht. Es ist ein Krieg von Regionalmächten und den großen Machtblöcken der Welt. Die, die dabei alles verlieren, sind die Syrer. Dieses herzliche und einst stolze Volk mit seiner reichen Geschichte zahlt einen bis dato beispiellosen Preis für internationale machtpolitische Interessen.
Ab spätestens 2012 wurden Kämpfer von überall aus der Welt nach Syrien eingeschleust und massiv mit Waffen aufgerüstet. „Moderate Rebellen“ nannte der Westen diese Barbaren und gegen den „bösen Diktator Assad“ müsse man kämpfen, um Syrien zu befreien. Was da wirklich ins Land kam waren Bestien. Eine Bande von Leuten, die Gefallen am Morden hatten. Sadisten aus der Hölle. Wenn diese nicht gerade gegen die SAA (Syrisch Arabische Armee) kämpften, dann schlachteten sie sich gegenseitig ab. Und zwischen drinnen immer wieder syrische Zivilisten. Frauen und Kinder. Niemand kann ersthaft behaupten, dass es diesen Horden um die Freiheit Syriens ging. Der Krieg wurde zum Selbstzweck und noch heute gibt es in Syrien Menschen, die ohne Krieg gar nicht mehr leben können.
Am 9. Juni 2014 drangen Kämpfer des Islamischen Staates im Irak und in Großsyrien (ISIS) von Syrien kommend weit in den Irak ein. Innerhalb weniger Tage eroberten sie den gesamten Westen des Landes und stießen bis kurz vor Bagdad vor. Am 29. Juni 2014 riefen sie einen „Islamischen Staat“ und ein Kalifat aus. In Syrien sollte die Stadt Raqqa ihre Hauptstadt werden. Die Herrschaft des IS in Syrien war wohl mit das satanischste, was das Land bisher erlebt hatte und die Grausamkeit des IS übertraf selbst das, was man bisher von Gruppen wie Al-Qaida, al-Nusra und anderen kannte. Menschen wurden lebendig in Käfigen verbrannt, selbst Jugendliche. Die Köpfe von ermordeten Syrern wurden in Raqqa aufgespiesst und an Hauptverkehrspunkten zur „Schau“ gestellt. Der IS beging einen Völkermord an den Yesiden im Irak, aber auch in Syrien ermordete der IS alle, die nicht dem „wahren Islam“ entsprachen. Säkulare, Christen und Muslime. Sowohl Shia als auch alle Sunniten, die nicht der Auslegung des Islam folgten die der IS hatte. Und diese Auslegung war von allem abweichend, was islamische Gelehrte jemals aussagten. So distanzieren sich die Gelehrten der renommierten islamischen Al Azhar Universität in Kairo ganz klar von der Auslegung des Islam durch den IS. Der IS hat hat durch sein Handeln den gelebten Islam durch den Dreck gezogen wie kaum eine Organisation vor ihm. Wenn man sich die Berichte zu IS-Kämpfern der Zeit anschaut fällt auf, dass ein Grossteil vor dem IS nicht einmal praktizierende Muslime waren. Es waren Opportunisten, Sadisten und Menschen, die jeder Ideologie folgen würden, die ihnen Macht verlieh, vergleichbar mit dem Verhalten von Menschen unter dem NS-Regime. Die allermeisten Opfer des IS waren Muslime selbst – das wird oft vergessen. Letztlich wurde der IS durch vereinte Anstrengungen, massive Bombardements der Amerikaner und mit Hilfe der kurdischen YPG besiegt, aber ganz weg ist er bis heute nicht. Und in den Lagern im kurdischen Teil Syriens, werden noch tausende Frauen und deren Kinder, die mit der IS-Ideologie gehirngewaschen sind festgehalten. Eine tickende Zeitbombe.
Syrien stabilisierte sich ab ca. 2018 etwas, der Konflikt war zumindest etwas eingefroren. In der Provinz Idlib waren die Reste der „Rebellen“ von Al-Qaida und Al-Nusra Front und andere selbsternannte „wahre Muslime“ mehr oder weniger festgesetzt. Die Kurden waren östlich des Euphrat halbautonom, Russen, Amerikaner und Iraner hatten ihre Basen im Land. Aber zu diesem Zeitpunkt war Syrien schon lange nicht mehr das alte Syrien. Zwar begann der Wiederaufbau trotz Sanktionen durch den Westen bereits in Städten wie Aleppo und Homs, aber grosse Fortschritte gab es nicht. Israel bombardierte das Land immer mal wieder völkerrechtswidrig. Dieser Status sollte erhalten bleiben, bis zum November und Dezember 2024. Dann ging es schnell. „Rebellen“ von Idlib kommend nahmen in nur 10 Tagen erst Aleppo ein, dann Hama, dann Homs, dann Damaskus. In nur 10 Tagen! Die Hauptverkehrstrasse Syriens, die M5, die den Norden mit dem Süden verbindet, war die Hauptstossrichtung der „Rebellen“. Ganze Armeebasen wurden übernommen. Es gab kaum Widerstand. Wer ernsthaft glaubt, dass die SAA nach 13 Jahren brutalstem Krieg, bei dem sie um jeden Zentimeter des Landes kämpfte von ein paar tausend Kämpfern besiegt wurde – der hat keine Ahnung oder will es nicht wirklich wissen. Dass es hier einen Deal im Hintergrund gab ist unmöglich abzustreiten. Nein, nicht die Syrer haben Syrien zurück erobert, sondern es ist ein weiteres Schachspiel von Mächten ausserhalb von Syrien. Die Syrer sind dabei nur die Bauern auf dem Schachbrett.
Wie wird es weitergehen für Syrien? Derzeit hat die Stunde der „Experten“ geschlagen. Nachdem es viele Jahre keinen mehr interessiert hat, kennt sich nun jeder aus und berichtet. Das übliche Spiel, solange der mediale Fokus auf Syrien liegt. Um Syrien wirklich zu verstehen, muss man mehr als nur seine Geschichte kennen und ein paar Buchzusammenfassungen gelesen haben. Es erfordert, dass man die Kultur kennt, die Religionen des Landes kennt. Und all das muss man zusammenfassen können und die Verbindungen verstehen können. Syrien erfordert Leidenschaft, keine Notwendigkeit.
Syrien kann souveräner und selbstbestimmter Staat nur existieren, wenn es eine Macht gibt, die die Menschen Syriens vereinen kann und eine Idee für die Zukunft entwickeln zu vermag und andere Mächte draussen bleiben. Und genau das ist das Problem. Das ist aus jetziger Sicht die Quadratur des Kreises.
Eine Demokratie anzustreben, wie es die UN im Sinne hat, führt erst recht zum Zerfall des Reststaates in seine Einzelbestandteile. Die Kurden im Nordosten wollen ihren Staat, die Türkei will einen Teil, Israel eine „erweiterte“ Pufferzone. Und derzeit werden durch die Türkei und Israel schon Fakten geschaffen. Sollte es zu einem „islamischen Kalifat“ kommen, wird schon auf dem Weg dahin um die Vorherrschaft gekämpft – Muslime gegen Muslime, in diesem Fall vor allem Sunnitische Muslime. Und das alleine zeigt schon auf, wie viel das mit islamischer Ethik wirklich zu tun hat – wie meistens üblich – nichts. Was diesen Punkt angeht, bin ich nicht desillusioniert geworden, ich war es von Anfang an. Der Traum von einem rechtgeleiteten Kalifat ist zwar für viele Muslime ein Herzenswunsch. Aber es ist ähnlich wie mit der Demokratie bei den Europäern. Auf dem Papier sieht das alles schön aus – in der Realität klappt es aber nie so, wie es eigentlich sein sollte. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
Am Ende so befürchte ich, werden sich die meisten Syrer nach al-Assad zurück sehen und von den „guten alten Zeiten“ träumen. Ein sehr ähnliches Spiel, wie wir es vom Irak und Libyen auch schon kennen. Und das ist wohl die Bitterkeit dieser ganzen Geschichte. Oder eben die Vergänglichkeit des Seins und menschlicher Bestrebungen. Letztlich müsste Syrien den Syrern gehören und diese müssten sich in dem Bewusstsein ihrer Geschichte und ethno-religiösen Vielfalt auf eine eigene Regierungsform einigen. Nach all den Jahren des Grauens ist es außerdem unumgänglich, dass man sich gegenseitig vergibt. Es gibt keinen anderen Weg, wenn man eine Zukunft haben will. Im alten Syrien der Familie al-Assad war der Zentralstaat das einende Element. Die Volks- und Religionsgruppen kamen miteinander nicht nur aus, man half sich gegenseitig. Man findet zahlreiche Berichte, wo Christen das Iftar an Ramadan für ihre muslimischen Mitbürger zubereiteten und Muslime an Weihnachten den Christen bei ihren Vorbereitungen halfen, um mal nur ein Beispiel zu nennen. Es ging nicht darum, dass man alles „gleich machen“ wollte, wie man das aus Deutschland kennt. Sondern darum, dass man sich gegenseitig respektierte und achtete. Jeder hatte seine Religion, aber man war in Syrien unter dem Dach des Staates vereint. Das alles ist vorbei und viele Syrer die ich kenne sagten mir auch die letzten Jahre, dass der Krieg die Menschen „hart gemacht“ hat. Früher hätte man ein Dorf als Ausländer betreten können und wäre dort nicht eher weg gekommen, bevor man nicht bei jeder Familie zu Gast war. Jede syrische Mama wollte einen bekochen und die Familie alles über einen erfahren. Man konnte sich in Syrien frei bewegen, wie auch viele alte Dokumentationen zeigen. Wenn euch das interessiert, dann findet ihr einige Videos dazu in meinem öffentlichen Telegram Kanal:
Nun hat die Stunde Null Syriens geschlagen und von hier an wird sich zeigen, wohin die Reise gehen wird. Weiter in einem nie enden wollenden Bürgerkrieg. Nur dann um die Macht im Syrien von morgen aber ausser acht lassend, dass es dann nicht nur kein morgen, sondern auch kein Syrien mehr gibt. Oder werden sich Menschen die denken (und so nennt der Quran die Menschen, die verstanden haben was der Islam wirklich ist) zusammen tun und eine neue Idee für Syrien entwickeln, welche alles Volks- und Religionsgruppen berücksichtigt?
Ein Paradoxon in den gelebten abrahamitischen Religionen ist weniger die Theologie, sondern die Realität. Religion stiftetet Identität und Religion hat einen Wahrheitsanspruch. Aber in allen drei abrahamitischen Religionen geht es in der Theologie um das „danach“, wo Gott richten wird und nicht darum, in dieser Welt eine vermeintliche „Gottesherrschaft“ aufzubauen und Andersgläubige zu beseitigen. Der Quran ist – auch wenn das Nichtmuslime leider meistens nicht wissen (oder nicht wollen) – sehr klar bei diesen Aussagen. Gewinner oder Verlierer zu sein bezieht sich niemals auf diese Welt, die ja nur ein Trug und ein Schauspiel ist. Beim Christentum das Gleiche, aber das dürfte den meisten Leserinnen und Lesern klar sein. Wenn es also darum geht in der Religion – egal ob Christentum oder Islam – mit Gott zu wandeln und ein guter Mensch zu sein, so gut es eben geht – dann kann ein Krieg gegen andere Menschen niemals richtig sein. Zumal wir für all das verursachte Leid und Blutvergießen Rechenschaft ablegen müssen. Dazu könnte ich noch vieles sagen. Aber in Bezug auf Syrien wäre eine Verfassung eines neuen Syriens idealerweise auf die Religionen und die Geschichte aufgebaut. Und die Syrer könnten etwas erreichen, was den meisten Menschen in Deutschland fast völlig abhanden gekommen ist: Endlich zu begreifen, dass Religion wichtig ist. Für die eigene kulturelle und persönliche Identität und für die Erinnerung daran, dass wir nach Frieden mit den Menschen streben sollten und danach, dass dieses Leben der Prüfstein dafür ist, ob wir Gott gesucht haben oder nicht.
__________________________________________________
Einschub per 12.12.2024:
Martin Sonneborn hat Fragen zu Syrien. Diese sollte man sich auch stellen. So sagte er zunächst: „Oh. Sieht aus, als gäbe es ein neues Sykes-Picot-Abkommen! 108 Jahre später.“
1) Wo ist denn Syrien nur geblieben?
2) Müssen wir jetzt einen neuen Diercke-Weltatlas bestellen?
3) Wieso nennen unsere doch manchmal ganz gut informierten Zeitungen (Wetter, Fußball, Lottozahlen, Horoskop) diese durchgeknallten Al Qaida-Islamisten immer so höflich „moderate“ „Rebellen“, während sie gleichzeitig darauf bestehen, die ideologisch nahezu identen Vertreter der Hamas immerzu als „Terroristen“ zu bezeichnen?
4) Wie kommt es, dass man es (in denselben Medien) eine „Befreiung“ nennt, wenn das syrische Volk unter die Besatzung einer marodierenden usbekisch-uigurisch-turkmenisch-tschetschenischen Dschihadistengang gerät?
5) Wissen die auf syrischem Staatsgebiet versammelten Takfiri-Kopfabschneider schon, dass sie auf der von höchstoben verordneten Landkarte am Ende gar nicht vorgesehen sind?
6) Ist das in dieser „regelbasierten“ Weltordnung schon verbindlich festgeschrieben, dass man einen kollabierenden Staat als Nachbar einfach so übernehmen darf? Gilt das auch für uns und das (schon ein bisschen kaputtere) Frankreich?
7) A propos Nachbar: Was machen eigentlich die USA da in der Gegend?
8) Wo ist denn eigentlich das Völkerrechtssubjet Syrien geblieben, dessen Status von einem Sturz der Regierung doch völlig unberührt bleibt?
9) Hat irgendjemand die Syrer mal gefragt, ob sie diesen Scharia-Klimbim überhaupt mitmachen wollen, bevor sie perspektivisch — je nach PLZ -, Türken, Israelis oder – Allah behüte – gar US-Amerikaner werden müssen?
10) Kann es sein, dass noch nicht einmal einer dieser – mit Verlaub! – ابن العاهرة-Neubesatzer halbwegs passables levantinisches Arabisch spricht? (Haben, hüstel, Mister Sykes & Monsieur Picot auch nicht getan.)
11) War das Zeitalter des Kolonialismus (nach 500 qualvollen Ausbeutungs- & Unterdrückungsjahren) nicht eigentlich im letzten Jahrhundert schon vorbei?
12) Steht eigentlich jedem eine Pufferzone zu? Uns auch? Die vonderLeyen niemals je betreten darf? Natürlich nur zu unserem Schutz. Aggressive Vorwärtsverteidigung, Sie verstehen.
13) Wieso sprechen selbst die wokesten Neuzeitopportunisten immer noch vom Nahen Osten, wenn sie Westasien meinen? Wie würden die wohl gucken, wenn man ihnen beiläufig mal steckte, dass Westasien nur aus Sicht einstiger (und heutiger) Kolonialisten der „Nahe Osten“ ist?
14) Und schließlich: Die EU empfindet sich doch als moralisch so fein aufgestellt, wenn sie sich fortwährend für Minoritäten aller Art einsetzt, sogar für die Uiguren im ziemlich fernen China. Selbst dem dümmsten Atheisten ist aber mittlerweile aufgefallen, dass die EU noch nie, wirklich noch nie, auch nur ein einziges Wort über die Christen im „Nahen Osten“ verloren hat, deren Jahrtausende alte Spuren aus der kulturellen Textur dieser Region gerade großflächig mit Vorschlaghammer herausradiert werden. Warum?
15) Wo ist denn Syrien nur geblieben?
__________________________________________________
Für den Moment kann man den Syrern nur wünschen, dass ihr Land zur Ruhe kommt und sie zumindest einige Tage lang morgens nun aufwachen können ohne Angst zu haben. Einfach mal durchschlafen können, das Gefühl von Freiheit geniessen. Viele kommen über die libanesische und türkische Grenze in diesen Stunden nach Hause zurück. Und die wenigsten Deutschen können sich vorstellen, was das für ein Gefühl sein muss. Endlich wieder Heimat, das alte Elternhaus, den Geburtsort sehen. Selbst wenn alles in Trümmern liegt, die Orte der Erinnerungen zu betreten muss unvorstellbar sein. Es ist nicht nur die Stunde Null Syriens, es ist für viele auch die persönliche Stunde Null. Dreizehn Jahre Krieg, Hunderttausende Tote und die Hälfte der Bevölkerung Syriens sind Flüchtlinge – das muss man erst einmal erfassen und verarbeiten können.
Zum Abschluss dieses Artikels möchte ich die Worte meiner Freundin Rawan zitieren, die 2022, damals noch in Syrien, einen Brief schrieb. Es sind ihre blumigen arabischen Gedanken in deutschen Worten. So denken Syrer und das macht es umso unvorstellbarer, was die letzten Jahre diesem Land angetan wurde.
رسائل من دمشق
…von Enden und Anfängen.
Wenn Dezember kommt, bringt er alles Gute nach Damaskus mit. Der Dezemberregen hat einen anderen Duft in Damaskus, als ob der Himmel Geschenke als Entschädigung für Leid verstecken würde.
Mit diesen einfachen Wörtern voller Emotion reagiert ein syrisches Mädchen auf die Stimmungen in diesem Monat und sie fügte hinzu: Bei Regenwetter beeile ich mich ans Fenster, hole meine Kaffeetasse und werfe vorsichtig einen Blick auf die Stimmungen draußen. Ich lasse meine Fantasie zu jedem Haus, jeder Familie sowie jeder Person schweifen, auf der Suche nach Seelen und Herzen, die noch am Leben sind. Hier geht es nicht um das materielle Leben, es geht um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ich sehe durch mein aus Holz gerasteltes Fenster alle Jahreszeiten und die kontinuierlich verändernden Lebensumstände, Menschen, die ohne lebendige Seele auf der Straße stehen, sie richten ihre Augen und die offenen Händen auf den Himmel aus. Aber worauf warten sie bei diesem Wetter? Keiner hat die Antwort.
Es ist wirklich anstrengend, wenn man jeden Tag von den Augen der Menschen ablesen kann, was für eine schwere Zeit sie erlebt haben, wie Menschen in zehn Jahren ein Jahrhundert älter werden.
Was für eine Situation ist das, die ich euch versuche zu erzählen? Ist das eine Szene aus einem tragischen Film? Natürlich nicht. Der Dezember in Damaskus ist eine Mischung von Enden und Anfängen. Deswegen schreibe ich diesem Monat: Bitte Dezember, lass uns eine Vereinbarung treffen! Bitte hab es nicht eilig, geh nicht, bevor die Narben total verschwinden. Ich wünschte immer wieder, dass die schmerzhaften Erinnerungen mit dir verabschiedet werden.
Diesen Brief werfe ich in die Luft und warte auf einen neuen Anfang, einen neuen Januar.
Rawan, Damaskus, Syrien im Dezember 2022
Für Syrien🇸🇾
„In times of weakness and decay, dreams are expensive.“
Saadllah Wannous, syrischer Dramatiker, † 15. Mai 1997