„Tomaten sind die Früchte der Liebe“
Sprichwort aus Palästina
„Tomaten sind die Früchte der Liebe“ – so sagt man in Palästina. Wenn man sich mit der Schönheit und Vielfalt von Tomaten beschäftig, dann kann man nur zu der Erkenntnis kommen, dass Tomaten ein Segen sind und eine der weiteren Millionen von Liebeserklärungen unseres Schöpfers an uns. Nur manchmal verliert man den Blick dafür. Gemeint ist die Dankbarkeit. Man kauft Obst und Gemüse mit einer Selbstverständlichkeit ein, wie wenn es das Normalste der Welt wäre. Ist es aber nicht. Für viele Menschen auf der Welt sind Tomaten nicht einfach verfügbar, während in den Teilen der Welt mit höherem Lebensstandard so mancher einfach einem Stand mit Tomaten vorbei geht, als wenn es überhaupt nichts besonderes wäre.
Das hat viel mit dem Gewöhnungseffekt zu tun – der Mensch passt sich schnell an. Allerdings schneller nach „oben“ wie nach „unten“. Eine Anpassung nach oben führt schnell zu Stolz und die Folge von Stolz ist die Undankbarkeit. Auch wenn dies kein rein theologischer Artikel ist, so möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass Stolz die Ursünde Satans aus der Bibel ist. Im Bibelbuch Hesekiel (Kapitel 28) wird das bildlich beschrieben. Ausführlicher beschreibt es dann der Quran, der wie so oft die Bibel um viele Details erweitert, wenn es um die Berichte der hebräischen Schriften aus der Bibel geht. Satan brachte die erste Sünde in die Welt und es war der Stolz. Gott widersteht stolzen Menschen, er hasst sie sogar, so berichtet es Bibel und Quran übereinstimmend. Natürlich können wir nicht Gottes Denken erfassen, wir lesen nur, was er uns über seine Propheten vor tausenden Jahren übermittelte und das ist erstaunlich übereinstimmend. Stolze Menschen werden zu undankbaren Menschen. Und undankbare Menschen sind nicht nur unglücklich und ohne Rast, die schaden auch anderen Menschen. Sie sehen keinen Segen, keine Schönheit und auch nicht Gottes Hand in dieser Welt. Dieser Artikel soll von Tomaten und der Dankbarkeit handeln. Etwas, was uns alle angeht. Oder wie es der Quran oft sagt: „für Menschen, die denken“. So soll es sein.
Tomaten
die To·ma̱·te <-, -n>
eine Frucht, die an Sträuchern wächst, rund und etwas kleiner als z.B. ein Apfel ist und eine dünne, rote Schale hat
Derzeit ist die Tomate eines der meistgezüchteten Fruchtgemüse der Welt. Alleine in den Niederlanden wuchsen 2017 auf insgesamt 14.800.000 m² (1480 ha) Tomatenpflanzen in Treibhäusern! Die Tomate stammt ursprünglich aus Südamerika, aus dem Gebiet um die Anden. Das liegt im heutigen Peru, Bolivien, im Norden von Chile und in Ecuador. Dort wurden die Tomaten von den Ureinwohnern, den Inkas und den Azteken gezüchtet. Diese Tomaten waren damals kaum größer als Kirschen. Langsam verbreitete sich die Tomate über ganz Südamerika, und als die Spanier um 1519 Mexiko eroberten, entdeckten auch sie die Tomate. Es waren die Spanier, die die Tomate nach Europa brachten. Die ersten Tomaten, die nach Europa kamen, waren klein und hatten einen gelblichen Farbton. Sie wurden als peruanische Äpfel oder goldene Äpfel bezeichnet. Die italienische Bezeichnung für Tomate, ‚pomodoro‘, geht zurück auf den Ausdruck ‚pomod’oro‘, was so viel wie ‚goldener Apfel‘ bedeutet. Der englische Begriff ‚tomato‘, das deutsche Wort ‚Tomate‘ und das niederländische ‚tomaat‘ stammen von ‚tomatl‘, der aztekischen Bezeichnung für diese Frucht. Tomaten sind aus unzähligen Küchen dieser Welt nicht weg zu denken und ich könnte hier unmöglich eine Aufzählung von Küchen und Gerichten aus aller Welt machen, wo die Tomate essenziell ist. Wenn ich an die Tomate in Verbindung mit unserer Blackwater.live Community denke, dann denke ich an unseren Hobbygärtner „Habanero“ und seine unglaublichen Zuchtgarten. Ich freue mich jedes Mal über neue Bilder. Ich denke an die leckeren Gerichte aus Griechenland, der Türkei, dem Libanon, Syrien, Ägypten, Bosnien, Italien und was alles noch in der Zukunft kommen mag – alles ohne Tomaten undenkbar. Ich denke aber auch daran, dass es in Deutschland oft schwierig ist (außer durch Eigenzucht) die Arten von Tomaten zu bekommen, die viele Migranten aus ihrer Heimat kennen. Ich habe das einst nie so ganz verstanden bis zu einem bestimmten Erlebnis, was ich noch mit euch in diesem Artikel teilen werde. Dieses Erlebnis hat mich verändert und ich hoffe diese Einstellung mir für immer bewahren zu können. Aber bevor ich euch davon berichte, möchte ich euch einige persönliche Bilder von Tomaten zeigen. Bitte schaut sie euch an, versucht euch vorzustellen wie sie schmecken. Schliesst eure Augen und riecht imaginär an ihnen, spürt die Oberfläche und Textur.
Tomaten direkt im Dorf von Mrs. Blackwater in Nordgriechenland🇬🇷 (Quelle: eigen)


Fleischtomaten in Bosnien🇧🇦 (Quelle: Amila)


Tomaten im Supermarkt in Frankreich🇫🇷 (Quelle: eigen)


Tomaten in arabischen Gerichten, VAE🇦🇪 und Palästina🇵🇸/Israel🇮🇱 (Quelle: eigen)


Tomaten auf Hawaii🇺🇸🌺 und als Teil einer Vorspeise in Montalcino, Italien🇮🇹 (Quelle: eigen)


Egal wo Mrs. Blackwater und ich auf der Welt bisher waren, wir haben immer Tomaten gegessen, selbst im 12.000 km entfernten Hawaii, wo das obige linke Bild entstanden ist. Wir haben in der Heimat einen Tomatenverbrauch um die 3kg die Woche. Wie einige Community Mitglieder auch in unserem Tomatenthread HIER (intern) geschrieben haben, „ohne Tomaten können wir nicht leben“.
Tomaten sind sehr gesund und enthalten viele wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Antioxidantien. Sie sind reich an Vitamin C, A, E und K sowie Kalium und Lycopin, einem Pflanzenstoff, der ihnen ihre rote Farbe verleiht. Lycopin wird mit einer verbesserten Herzgesundheit und einem geringeren Krebsrisiko in Verbindung gebracht. Neben ihrem Aroma und Geschmack ein weiterer Pluspunkt.

Dankbarkeit
die Dạnk·bar·keit <-> kein Pl ↔ Undankbarkeit
das Bedürfnis, jdm für etwas zu danken
In den Jahren 2019-2021 habe ich persönlich eine schwere Zeit durchgemacht, die bis dato schwerste Zeit meines Lebens. Das ist etwas, was ich so noch nicht hier geteilt habe. Es war eine Zeit, die mich als Mensch geprüft hat, wer ich wirklich bin, was mich ausmacht, was ich glaube. Es hat die Fundamente meines Sein in Frage gestellt und mir den Boden unter den Füssen weg gezogen. Ich bin nunmehr davon überzeugt, dass jeder Mensch eines Tages der Wahrheit ins Auge blicken muss, ob er es nun will oder nicht. Ich wollte es und habe dafür alles riskiert, inklusive meines bisherigen Lebens, meiner Familie, meiner Ehe. Aber nichts für das es sich zu kämpfen lohnt, gibt es umsonst und diese Erkenntnis habe ich persönlich schon gemacht, bevor ich diesen Aspekt des Lebens bei Nassim Nicholas Taleb gelesen habe.
Mrs. Blackwater und ich sind in dieser Zeit, mitten in der Corona Pandemie mit dem Auto durch Europa gefahren mit dem Ziel Griechenland, unsere zweite Heimat. In einer Zeit des Umbruchs, wenn wenig Halt bleibt, wenn man nicht mehr weiss wie es weiter geht, was bleibt dann? Nicht nur die Pandemie mit ihrem selbstzerstörerischen Untergangsszenario, sondern auch das private Lebensgebäude im Einsturz begriffen, klammert man sich an einfachste Sachen. Einfachste Rituale, irgend etwas, was unverändert blieb, was nicht in Frage gestellt werden kann. Das ganze Leben ist Veränderung und ja, wir alle werden alle unweigerlich alles verlieren. Aber wenn das so plötzlich kommt und man so unvorbereitet ist, woran hält man sich dann?
Ich weiss noch, wie wir durch den ganzen Balkan fuhren. Das hatten wir schon öfters getan, aber ich dachte dieses Mal, das wird das letzte Mal sein. Wir kamen nach zwei Tagen in Griechenland an und übernachteten im Haus im Dorf. Der Nachbar, ein Gemüsebauer den wir kennen, bemerkte dass wir da waren und stellte uns morgens eine Kiste mit Obst auf die Terrasse. Ich stand morgens auf und ich habe noch heute dieses Bild vor mir, wie meine nackten Füsse über die von der Sonne erwärmte Terrasse gehen. Da stand nun dieser Korb voll Obst und mit dabei waren Tomaten, wie ihr sie oben auf dem Bild seht. Ich nahm eine Tomate aus dem Korb und lehnte mich an das alte Geländer der Terrasse. Ich blickte auf das Meer, was nur wenige Minuten vom Dorf entfernt ist und welches dank der Hanglage des Hauses immer sichtbar ist. Ich schloss meine Augen und biss in die Tomate rein. Der Geschmack dieser Tomate und alles was ich damit verband, der letzte Halt der mir blieb, all das kam in mir hoch und ich fing an zu weinen. Ich konnte es einfach nicht mehr zurück halten, die Tränen liefen und liefen und liefen. Diese eine Tomate war für mich meine Welt, alles was geblieben war. Alles was Bestand hatte, was sicher war, was echt war. In eine Welt voller Lügen, voller Marionetten, voller falscher Freunde war es diese Tomate, die echt war.
Warum erzähle ich euch heute diese Geschichte? Weil ich euch diesen einen Gedanken mitgeben möchte: Alles was ihr zu wissen glaubt kann falsch sein. Und in einer Welt voller Unsicherheit sind es die kleinen Dinge, die Dinge, die ihr vielleicht nicht beachtet habt oder überseht, die viel beständiger und echter sind als alles andere. Und sei es nur eine echte, nicht industrielle Tomate mit all ihrem Geschmack, der roten Farbe, dem Aroma, die wie eine kleine Liebeserklärung das letzte bißchen gewohnte Beständigkeit in eurem Leben ist. Ja, ich hatte schon vorher Tomaten gegessen, mein ganzes Leben lang. Aber dieser Augenblick änderte alles. Wenn ich heute eine Tomate in die Hand nehme, dann fühle ich nichts als reine Dankbarkeit. Und auch wenn dieser Artikel kein rein theologischer ist, so sei mir ein Hinweis gestattet: Unser Schöpfer beschreibt seine Schöpfung und jeden Teil der Schöpfung als sein Zeichen. Das Wort für Zeichen lautet im quranischen Arabisch Aya (آية), Plural Ayat (آيات) und meint aber auch einen Vers im Quran. Diese Zeichen, sowohl die der Schöpfung als auch die des Buches sind das, was uns Menschen zum Nachdenken bringen sollen. An manchen Stellen fragt Gott dann im Quran: „aber wer denkt?“
Und das ist genau der Punkt. Wer denkt, der reflektiert. Wer reflektiert, wird dankbar. Und wer dankbar ist, der wird glücklich. Denn es sind nicht die Glücklichen, die dankbar sind. Sondern es sind die Dankbaren, die glücklich sind. Das ist das „bigger picture“. Diese Tomate war meine Begegnung am Tiefpunkt. Und der Tiefpunkt war der Wendepunkt. Vielleicht könnte man in einer gewissen Weise sagen, dass diese Tomate mich zu Gott geführt hat. Wie auch immer man das sehen mag, achten wir auf die Zeichen in unserem Leben. Und wenn es nur eine Tomate ist.

Verlust
Verlust ist ein Gedanke, der sehr schmerzt. Und ich schreibe hier nicht von dem Verlust von Geld oder anderen materiellen Dingen. Nicht einmal von dem Verlust von der Gesundheit. Sondern von dem Verlust von Menschen, die wir lieben. Während das Leben weiter läuft und die Recheneinheit Zeit für uns Menschen nur in eine Richtung fliesst, wird unweigerlich jedem irgendwann klar, dass wir alles verlieren werden. Wirklich alles. Während wir leben, können wir Geld und Vermögen verlieren. Besser ist es natürlich, wenn wir welches hinzu gewinnen. Aber sicher ist, dass wir alle Menschen die wir lieben verlieren werden. Entweder werden sie aus dem Leben scheiden oder wir. Dieser Gedanke überkommt viele Menschen, die nicht darüber nachdenken, oft sehr plötzlich. Die Macht der Verdrängung ist stärker. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob wir Menschen mehr über die Sinnfrage nachdenken würden, wenn wir ganz alleine auf der Welt wären. Ob wir beim Anblick einer Tomate ehrlicher zu uns selbst wären, wenn wir der einzige Menschen auf der Erde wären. Und wären wir dankbar? Und wem wären wir dankbar? So absurd der Gedanke, dass wir alleine auf der Welt sind, auch im ersten Augenblick erscheint, er ist doch wahr. Egal wie sehr wir einen Menschen lieben, wir können ihn nicht „behalten“. Dieser Mensch, egal welcher – und sei es die Liebe unseres Lebens – wird uns eines Tages durch den Tod verlassen. Und dann werden wir alleine sein. Was wird dann bleiben?
Man kann es durchdenken wie man will, letztlich bleibt nur unser Schöpfer übrig. Wir denken, wir brauchen Menschen, die uns zuhören. Aber wer in einem einsamen Moment ehrlich mit sich selbst ist, der weiss das „Universum“ hört uns zu und dazu müssen wir nicht einmal die Gedanken unseres Herzen aussprechen. Und nein, natürlich meine ich damit nicht das Universum, sondern den, von dem all diese Macht ausgeht. Er ist es, von dem auch die Liebe ausgeht, die Vergebung und die Barmherzigkeit. Eine muslimische Überlieferung sagt, dass nur ein Teil der Barmherzigkeit Gottes von hundert anderen Teilen zu Erde gesandt wurde und die anderen neunundneunzig Teile werden für den Tag der Wiederauferstehung aufgehoben (Hadith 4951, Muslim). Was immer wir in unserem Herzen an Liebe empfinden, wir spiegeln nur wieder, was wir empfangen haben. Und das wiederum ist nur ein winziger Teil der Liebe, die es gibt. Wenn sich alles in der gemachten Welt so verhält wie beschrieben und wir hier in dieser Welt immer nur einen kleinen Vorgeschmack auf das echte Leben haben, dann gibt es keine Worte, die gross genug sind um zu beschreiben, was uns im echten Leben erwartet, nachdem wir diese Erde verlassen haben. Und doch sagt der Quran, dass selbst all das nichts wäre, im Vergleich zum Wohlgefallen Gottes. Kommen wir nun also zur Tomate zurück, die laut dem Quran wie alle anderen gemachten Dinge ein Zeichen ist. Gemacht, damit wir nachdenken. Die Tomate ist gesund, schmeckt und ist wie ein kleiner roter Kuss für uns. Eine Liebeserklärung. Und es ist nur eine Tomate. Aber sehen wir das „bigger picture“ dahinter? Wenn wir das sehen, dann werden wir niemals wieder eine Tomate für selbstverständlich sehen. Und die Dankbarkeit für jede Tomate in unserem Leben, in guten wie in schlechten Zeiten, wird uns über alles hinweg tragen, was uns traurig machen mag.
Das von dem wir in unserem Leben meinen, dass es stabil und sicher wäre, das ist es nicht. Und das was wir womöglich kaum beachten oder nicht einmal sehen ist es. Und wenn es nur eine Tomate ist.
„Wir sind zu euch mit der Wahrheit gekommen, aber den meisten von euch ist die Wahrheit zuwider.“
Quran, 43:78
