„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ 

– Adorno

Dieser Artikel ist eine Überarbeitung und Re-Upload von „Ungelebte Leben“ aus dem Jahr 2021. Einmal mehr zeigt sich, wie wichtig diese Gedanken waren und sind.

Einen guten Tag wünsche ich euch, liebe Blackwater Leserinnen und Leser! Wir schreiben bald schon wieder ein neues Jahr und niemand weiss, was so vor uns liegt. Wird es ein gutes Jahr? Ein schlechtes? Was wird uns erwarten? Viel hängt sicher auch von uns ab und nein, nur mit der inneren Einstellung kann man nicht die Welt verändern, nicht fliegen, ist nicht unbesiegbar. Es gibt viele äußere Faktoren, die wir nicht steuern können. Dieses Jahr hat das ganz deutlich gezeigt. Und auch wenn es nicht die ganz grossen Weltereignisse sind, so gibt es die ganz kleinen Dinge im Leben, die unser persönliches Leben auch für immer ändern können. Wir treffen die Traumfrau (oder den Traummann) unseres Lebens, wir sind sehr erfolgreich mit einer Geschäftsidee oder bekommen den Job, den wir immer wollten. Zweifellos ändert das unser Leben. Und wir haben auf diese Dinge nicht viel Einfluss, zumindest oft weniger, als wir denken.

Dann gibt es auch Dinge, die einen negativen Impact haben, neudeutsch, eine negative Auswirkung. Eine schwere Krankheit. Oder wir verlieren einen Menschen, der uns viel bedeutet hat, den wir gar geliebt haben. Ich will bei diesem Gedanken heute nicht zu lange verweilen. Nur so lange, um euch mit auf diese gedankliche Reise zu nehmen. Und dieser eine Gedanke ist der, der ungelebten Leben. Dafür müssen wir uns, um so ein Menschenleben auf den überschaubaren Zeitraum zu reduzieren den es hat, mit einem Gedanken beschäftigen. Hier kommt er:

Wir wachen morgen früh auf mit Bauchschmerzen. Diese Bauchschmerzen verschwinden nicht. Wir gehen zum Arzt unseres Vertrauens, der überweist uns an eine Klinik und nach einigen Untersuchungen stellt man fest, wir haben Krebs. Wir fragen, wie lange uns noch bleibt. Die Antwort lautet, ein Jahr.  Glücklicherweise werden die aller wenigsten von uns in so eine Situation kommen – bezogen auf nur ein Jahr. Aber bezogen auf unser Leben, sind wir alle schon lange in genau dieser Situation, ob wir es wollen oder nicht. Die Macht der Verdrängung, die bei vielen Menschen den Unterschied zwischen glücklich sein und Depression ausmacht, überlagert nur die unausweichliche Gewissheit, dass es so ist.

Eine ruhige Landschaft mit einem klaren Gewässer, umgeben von sanften Hügeln und bewaldeten Bergen unter einem bewölkten Himmel.
„Umschlossen von einer Hand aus Luft“ – Die Magie eines Ortes zu spüren und auf sich wirken zu lassen, ist ein wertvolles Geschenk im Leben. Es gibt Orte im Raum, die keine Zeit zu kennen scheinen. „E ho‘ omanawa nui“ – Zeit fliesst von einer Begebenheit zur anderen.

Ein Plan für die Restlebenszeit

Die meisten von uns haben noch eine ganze Menge Zeit zu leben vor sich. Selbst wenn wir schon älter sind. Ich bin beispielsweise jetzt 44 Jahre alt (neue Version des Artikels). Das ist in den Augen mancher Leser schon alt. In den Augen andere jung. Aber ich bin ein Mann. Die leben bekanntlich nicht so lange wie Frauen. Und viele dieser Exemplare sterben zwischen 50-60 bereits an einem Herzinfarkt. Das Risiko ist allgemein deutlich höher als bei Frauen. Wenn ich also davon ausgehe, dass ich noch 10 Jahre zu leben habe, was nicht völlig unrealistisch ist, sowohl das Erleben als auch der Tod, dann ist die Frage, was ich in dieser Zeit tun möchte. Und wie ich auf mein Leben zurück blicke. Und damit meine ich sicherlich nicht das Anhäufen von toter Kaufkraft oder ob ich Fallschirmspringen war. Jeder kann für sich einmal in Ruhe und in aller Tiefe überlegen, was auf der eigenen Liste wäre. Man muss sich dabei nicht gegenseitig übertrumpfen oder immer besonders hohe Ziele haben. Darum geht es nicht. Es geht darum, es ganz ehrlich zu tun und diesen Gedanken nicht zu verdrängen, was in der Natur von uns Menschen liegt. Denn wer will schon dauernd an das eigene Ende denken?

Wenn ich für mich heute diese Gedanken mache, dann denke ich daran, dass ich gerne noch einige Länder besuchen würde und einige Menschen kennen lernen möchte, von denen ich heute nicht mal weiss, dass sie existieren. Aber ein Gefühl sagt mir, dass es durchaus noch spannende Begegnungen geben wird. Aber liebe Leser und Freunde, ich will ganz offen sein. Stand heute sieht meine Liste so aus:

Ich würde gerne nochmal Hawaii besuchen. Big Island, die wilde Schöne. Die grösste Insel der hawaiianischen Inseln. Sie hat 5 Klimazonen, sie ist schön und mystisch, selten war ich der Schöpfung so nah wie dort. Die ganze Insel liegt unter einer Art Zauber, man kommt sich vor wie in einer anderen Welt, in der die Trennung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren nur ganz dünn zu sein scheint. Ein wirklich einzigartiger Ort, ohne dass ich dafür jemals die richtigen Worte finden könnte. Die Bilder des Artikels sind alle von mir dort gemacht. Die Weisheiten darunter in Hawaiianisch, sind von den schlauen Polynesiern, denen diese Inseln eigentlich gehören.

Länder: Israel, jederzeit wieder! Jordanien, Syrien, Irak, Oman. Die grossen Ausgrabungsstätten der alten Hochkulturen sehen, Menschen dort kennen lernen. In einem Flüchtlingscamp der UN dort helfen, auch wenn ich danach einen Nervenzusammenbruch erleiden werde. Aber irgendwie weiss ich sicher, dass ich das tun muss. In Damaskus mich mit einigen meiner Leser treffen, in Latakia ins Meer springen. In Israel in der Negev übernachten und den Sternenhimmel betrachten. In Gaza meine Arabisch Lehrerin Basma treffen (Update: leider nicht mehr möglich, sie und ihre Familie sind im Krieg umgekommen). Von Gaza über den Sinai nach Ägypten einreisen. Das ist schon eine ganze Menge und einiges davon ist alles andere als einfach zu schaffen. Die Liste ist nicht ganz vollständig. Aber so in etwa sieht sie aus.

Sterben würde ich – Stand heute – gerne in Griechenland🇬🇷 mit dem Blick auf das Meer. Wenn es nicht Griechenland ist, dann ein anderes Land im östlichen Mittelmeer. Meine nächste Wahl wäre der Libanon🇱🇧.

Aber solche Pläne sollten meiner Meinung nach auch gewisse spirituelle Komponenten enthalten. Und wie ich weiss, haben manche von euch auch diese auf ihrem „Plan“. Einer will vielleicht nach Tibet, eine andere nach Mekka um zu beten, wieder jemand anders nach Nadschaf oder Isfahan, andere nach Rom oder Jerusalem. Orte können spirituell sein, daran besteht gar kein Zweifel. Und so kann sich dann die Liste fortsetzen und bei mir sieht sie so weiter aus:

Mehr beten, mehr Nähe zum Schöpfer suchen in Natur und Schrift. Sich auf mehr Erfahrungen einlassen durch loslassen. Einfach Orte wie die von euch genannten auf mich wirken lassen, denn einige der genannten stehen auch auf meiner Liste. Entweder war ich schon da, will wieder dort hin oder komme – so Gott will – dahin.

Andere Menschen mit gleichen Interessen treffen, sich austauschen und die Verbindungen über die Restlebenszeit halten. Menschen, die solche Interessen haben und mit denen man auch offen darüber sprechen kann, sind etwas ganz besonderes, weil selten und so merke ich es heute immer mehr, immer seltener. Das ist leider einer der bittersten Erfahrungen, die ich in der Zeit zwischen der ersten Veröffentlichung dieses Artikels (2021) und heute machen musste: Spirituell denkende Menschen sind eine absolute Seltenheit. Das fehlt mir manchmal sehr.

Aber zurück zur Liste: Kann es in so einer Liste auch ganz triviale Sachen geben? Na klar. Es können auch ganz einfach Sachen sein wie: Ein Latte Macchiato in Rom, Humus essen in Jaffo oder ein Mal im Pazifik schwimmen. Hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Ein Sonnenaufgang über einem ruhigen Strand mit sanften Wellen, Wolken und einem farbenfrohen Himmel.
„He ‚onipa’a ka ‚oia ‚i‘ o“- Truth is not changeable. Etwas, was ich in meinem Leben lernen und akzeptieren musste, weil mein damalige soziales Umfeld es nicht tat. Es gibt feste und klare Wahrheiten im Leben. Zum Beispiel die Naturgesetze.

Ungelebte Leben

Ob solche Listen oder Pläne Sinn machen, hängt von ihrem Inhalt ab und wie konsequent wir diese Ziele ansteuern. Und ob diese Ziele realistisch erreichbar sind. Ich werde wohl kaum noch zum Mond fliegen, selbst wenn ich diesem Ziel alles andere unterordne. Diese Listen oder Pläne sollte auch keine „hingehaltenen Hoffnungen“ sein, also Dinge die wohl nie eintreten oder unerreichbar sind. Entweder nie in unserem Leben oder überhaupt nie. Denn das macht „das Herz“ krank, sprich unsere Psyche. Ich muss immer an den Satz von Ehud Olmert denken, dass „irgendwann im Leben eines Menschen der Moment kommt, in dem er die Wahrheit akzeptieren muss, ob er nun will oder nicht.“

Und die Wahrheit ist, dass wir nicht ewig Zeit haben und es meistens wohl anders kommt und vor allem anders als wir denken. In einer Welt, in der vieles relativ zu sein scheint gibt es doch einige unumstössliche Wahrheiten, die wir nicht ignorieren können. Die Gesetze der Physik und Mathematik, die Tatsache, dass wir vieles nie erfahren werden und dass wir eben nicht alles wissen können. Und auch die bittere Tatsache, dass wir sterben werden. Das Leben ist wie das Buch mit dem Titel „Tod eines Handlungsreisenden“, bei dem der Ausgang des Buches eben schon mit Beginn des Buches klar ist. Es zu lesen lohnt sich trotzdem – auch wenn es mit einem Suizid endet. Wer kommt eigentlich auf unsere Beerdigung? Ein Frage zum Nachdenken.

Und wenn wir jetzt auf unser Leben zurück blicken, was sehen wir da?

Sehen wir die ganzen „hätte, könnte, würde und vielleicht’s? Die ganzen unerfüllten Hoffnungen und Träume? Hätte ich bloss? Warum habe ich nicht?

Ja, warum eigentlich nicht? Die ungelebten Leben sind gefüllt mit Füllwörter und ausgebliebenen Ereignissen, unerfüllten Wünschen und Hoffnungen. Daher ist es vielleicht so, dass wir nicht immer überlegen müssen in welches Boot wir einsteigen um ans Ziel zu kommen, weil es gar kein Boot braucht. Was wir lernen müssen ist, über das Wasser zu gehen und zu sehen, wohin uns das dann führt. Denn Boote gibt es viele, nur fahren sie selten in die richtige Richtung.

Man kann sein ganzes Leben damit verbringen in dem Boot zu sitzen, welches bedeutet, dass berufliche Karriere oder Geld das wichtigste ist. Oder damit, dass man seine ganze Kraft und Hoffnung in von Menschen gemachte Ideen setzt, wie politische oder religiöse Bewegungen. Gerade in der jetzigen Zeit ist es leicht, auf irgend ein Polit-Clown oder menschliche Heilsbringer reinzufallen oder ihren Ideen zu erliegen. Am Ende ist es einfach so, dass wer darauf seine Hoffnungen und sein Vertrauen setzt enttäuscht werden wird: „Verlasst euch nicht auf Fürsten, auf ein Menschenkind, bei dem keine Rettung ist!“ (Psalm 146:3, Schlachter 2000)

Und das habe ich so oft miterlebt, selbst im Kreis der Menschen, die mir am nächsten sind. Immer wieder dieses Hinterherlaufen von Menschen. Selbst wenn man davon einmal befreit wurde, passiert es gleich wieder. Und am Ende bleibt Enttäuschung. Und die kann so groß sein, dass man seinem Schöpfer sogar Vorwürfe macht.

Wie ich schon schrieb, bin ich 39 Jahre (Update: jetzt 44) alt oder jung, je nach Perspektive. Meine Leser, die 60 und älter sind – einige gibt es davon – haben nochmal einen ganz anderen Erfahrungsschatz und davor habe ich grössten Respekt. Als ich noch in der Bank arbeitete, hatte ich mit Private Banking Kunden zu tun. Das sind die, die meistens viel Geld aber wenig Restlebenszeit haben. Gerade die, die 70 Jahre und älter waren, waren die, von denen ich am meisten für das Leben lernte. Während andere denen gerne Fonds verkauften, nutzte ich doch mehr als 50% der Zeit dafür, nur deren Lebensgeschichten anzuhören und sie zu fragen, was sie tun würden, wenn sie nochmal jung wären. Welchen Rat würden sie mir geben? Neben finanziellen Ratschlägen, wie in Deutschland niemals mehr als eine Immobilie (oder keine) zu besitzen, Deutschland zu verlassen, keine Kinder zu bekommen (meist undankbare Erben), jede Minute des Lebens zu geniessen, gaben sie mir auch viele persönliche Ratschläge. Würden diese Ratschläge dafür sorgen, dass eines Tages die Geister der nicht getanen Taten, unerfüllter Wünsche und nicht gelebten Lebens Grund zur Anklage haben oder eben nicht? Wenn Menschen am Ende ihres Leben etwas anderes sagen, als es die Botschaft der Gesellschaft durch Sozialisierung tut, dann sollte man darüber schon einmal nachdenken. Und das tat ich oft.

Ein Herz aus Steinen, das auf einem von Bäumen umgebenen, trockenen Boden arrangiert ist.
„Lawe i ka ma’ale a ku’ono‘ omo.“ – Take wisdom and make it deep. Wir bekommen die Antworten die wir suchen, in der Qualität mit der wir uns bemühen.

Ein Sack Reis

Mein Leben war bislang so, dass ich mich schon einige Male neu aufgestellt habe, den Reset Knopf gedrückt habe. Darüber könnte ich Einiges schreiben, vielleicht ein anderes Mal. Geblieben bin ich am Ende Banker. Spirituell dachte ich lange Zeit, dass ich eine Art Ruhekissen gefunden hätte, daher war hier lange Zeit eher Stillstand angesagt. Aber wenn man Zweifel hat oder spürt, dass eine Ansicht nicht die erfüllende ist, unstimmig, widersprüchlich oder eben doch zu menschlich gedacht, dann sticht man doch irgend wann wieder in See, um bei dem Bild von dem Wasser und den Booten zu bleiben. Aber wie gesagt, vielleicht ist das „in See stechen“ keine Frage des richtigen Bootes, sondern die Frage des Glaubens und ob ich im übertragenen Sinn auf dem Wasser laufen kann.

Ende 2019 hatte ich einen Punkt in meinem Leben erreicht, der nicht mit einem Ort oder einer drastischen Erfahrung zu tun hatte. Ich fuhr mit einem Bekannten durch ein Kaff in Westdeutschland und wir unterhielten uns. Mein Bekannter war einige Jahre älter, hatte Familie mit Kindern, Haus, das übliche Leben. Wir unterhielten uns über verschiedene Dinge, was so die letzten Jahre in unserem teilweise gemeinsamen Umfeld alles passiert war. Wie das Leben so spielte, heiraten, scheiden, Kinder, Katzen, Haus und VW Golf. Menschen, die im Leben kamen und gingen. Ich benutzte bis dahin nie die Rede von dem „Sack Reis in China“, die wohl jeder kennt. Aber dann dachte ich nur für mich und sagte es, als wir im Wagen saßen und durch dieses Kaff fuhren,  „wie ein Sack Reis… .“ Alles was passierte, alles was aufregte, was in den erlebten Momenten der vergangenen Jahren so wichtig erschien, alles das war wie ein Sack Reis, der in China umfiel. Unbedeutend, unwichtig und klein. Das war ein Moment, in dem mir klar wurde, auch der jetzige Moment würde in 10 Jahren so sein. Möglicherweise, aber doch sehr wahrscheinlich. Und dann dachte ich mir, Martin, wenn Du es jetzt nicht kapierst, dann kapierst Du es nie, Du bist nicht so wach wie Du denkst. Andere Momente und Erlebnisse hatte mich an diesen Punkt geführt, zweifellos.

Aber ich war immer noch nicht ganz wach, so wie wenn man morgens im Bett aufwacht, sich aber aber dann doch nochmal umdreht und in einen kurzen weiteren Schlaf verfällt. Manchmal sogar noch mit einem neuen kurzen Traum, der aber eben genau das ist: Nur ein Traum. Richtig aufwachen tut man erst, wenn man die Decke beiseite schlägt, die Füsse den kalten Boden berühren und man den Rolladen hochzieht. Die Sonne scheint, mitten ins Gesicht. Jetzt, jetzt ist man wach.

Wenn ich jetzt zurück blicke, dann war das schon einiges an ungelebten Leben in meinem eignen Leben. Klar, es hätte schlimmer kommen können. Die ein oder andere Leserin, der ein oder andere Leser mag sicher denken, interessante Ansichten. Oder auch nicht. Aber egal wie man dazu steht, unsere Erfahrungen sind wir. Unsere Vergangenheit sind wir. Auch unser ungelebtes Leben sind wir. Die Frage ist nur, klagt es uns irgendwann an? Was wäre wenn?

Was wäre, wenn ich einen anderen Beruf gewählt hätte? Was wäre, wenn ich eine andere Frau geheiratet hätte? Was wäre, wenn ich mit 20 ausgewandert wäre? Was wäre, wenn ich zum Judentum konvertiert wäre? Was wäre, wenn ich auf irgend etwas nicht verzichtet hätte? Was wäre, wenn ich bescheidener oder egoistischer gewesen wäre? Solche Fragen kann man sich viele stellen und die aufgezählten Antworten oder möglichen anderen Lebensverläufe werfen ein Licht auf unser ungelebtes Leben, die nicht beschrittenen Wege, die nicht genutzten Situationen und das verlorene Potential. Leben hat eine Eigenart an sich, die sehr unangenehm sein kann, wenn man sie ignoriert und unterdrückt: Es will gelebt werden. Es will erfahren werden. Das Leben ist zum leben da. Und das bedeutet viel mehr, als diesem, unserem Leben die „Klappe“ zu stopfen, indem man sich ablenkt, Konsument zu sein, es mit Substituten füllt oder sich einredet, das wird schon werden. Es wird schon klappen. Denn das ist nicht so, definitiv nicht. Es wird nicht gut werden, wenn wir passiv sind. Wenn man so passiv ist und denkt, dann wird man den „Sack Reis“ in China kennen lernen. Das eigene Leben wird so sein. Nicht nur aus der Perspektive der anderen, was zu verschmerzen wäre. Sondern aus der eignen Perspektive. Die Lebenszeit verschwendet zu haben, ist eine der bitterlichsten Erfahrungen, die man machen kann. Die Jahre verfliegen – und was bleibt? Diese Reise, dieser Weg ist schneller vorbei als wir es uns vorstellen können. Der Tod wird gerne verdrängt. Aber letztlich ist es so, wie in einem Schwimmbad mit einem hohen Sprungturm. Einige klettern vor uns die Leiter hoch, wir haben noch Zeit. Einer nach dem anderen springt. Es gibt kein zurück. Wir haben aber noch etwas Zeit, während wir die Sprossen der Leiter erklimmen. Eine nach der anderen, wie ein Jahr für ein Jahr. Dann aber kommt der Moment. Der Mensch, der direkt vor uns war springt. Uns wird es flau im Bauch. Unsere Beine zittern fast. Wir sind dran und es gibt kein zurück. Jetzt kommt unser Sprung.

Ein einsamer Mensch sitzt am Strand und meditiert, während die Wellen sanft ans Ufer rollen.
„O ke pono ke hana ‚ia a iho mai na lani.“ – Continue to live righteously until the heavens recognize you. Um unseren Schöpfer zu finden, müssen wir nicht irgendwo eintreten und kein Label tragen, wir müssen Glauben haben. Tiefe Spiritualität vervollständigt unser Sein und gibt Halt.

Ein gutes Jahr

Vieles haben wir nicht in der Hand. Wird das nächste Jahr ein gutes Jahr? Und in welcher Hinsicht gut? Weniger Krieg, mehr Geld, steigende Aktienkurse, viele nette Restaurantbesuche, ein neues Auto, Eintritt in die Rente?

Aber wechseln wir den Blickwinkel: Was wäre, wenn das nächste Jahr nicht wie jedes andere ist, weil es nur noch eines gäbe? Was würden wir mit diesem Jahr machen? Am 16.10.2025 ist es noch genug Zeit darüber nachzudenken. Vielleicht diese Woche. Und es ist angemessen darüber nachzudenken und auch etwas zu investieren. Beispielsweise könnten wir uns krank melden, das Telefon ausschalten, unerreichbar sein. Wir könnten die ganze Woche verwenden, um zu planen und zu denken, was wir mit dem nächsten Jahr tun wollen. Die Wahrheit ist, dass die meisten Menschen das ihr ganzes Leben lang nicht tun, selbst wenn sie die Zeit dazu hätten. Und wir können uns auch für dieses Jahr eine Liste wie die Eingangs des Artikels machen: Welche Erfahrungen möchten wir machen, welche Menschen möchten wir treffen, welche Bücher lesen? Oder welche spirituelle Erfahrung möchten wir machen? Welche Lebensfragen wollen wir zumindest versuchen zu beantworten? Oder wollen wir wieder alles nur verdrängen und so tun, als wenn das alles nicht wahr wäre, als wenn uns das nichts angehen würde, obwohl es unser Leben ist?

Vielleicht gibt es sogar eine ganz große Baustelle im Leben, die wir endlich mal angehen wollen: Aus der Kirche austreten oder eintreten, weil es für uns persönlich das richtige ist. Mal eine andere Religion erforschen? Wir könnten eine Synagoge besuchen und nach der Wahrheit über Gott fragen. Oder eine Moschee. Ja, warum denn eigentlich nicht? Was hindert uns? Was ist das denn für eine Blockade oder denken wir wirklich, wir wüssten alles bereits, weil wir eine ZDF Dokumentation gesehen haben?

Andere wollen einen neuen Fernseher kaufen, ein neues Auto oder diese Couch, die im Angebot ist. Wir können durchaus auch sagen: Ich möchte die Geschichte des Judentums verstehen können und mich in einer Synagoge informieren. Oder: Wer sind eigentlich die Samariter heute? Oder: Wie denken Juden oder Muslime eigentlich über Gott? Oder: Es gibt günstige Flüge nach Jerusalem, ich schau mir die drei Abrahamitischen Religionen in dieser heiligen Stadt selbst an und spreche mit den Menschen dort. Genau das wird uns in Erstaunen versetzen, der Himmel voller neuer Blickwinkel wird sich öffnen und wir werden erkennen, dass alles anders ist, als wir dachten. Es wird alles sein, nur kein „Sack Reis in China“, wenn das neue Jahr dann zu Ende ist. Versetzen wir uns doch kurz mal innerlich an das Jahresende des kommenden Jahres. Man kann am Jahresende zusammen sitzen und sagen, es gab diese oder jene steuerliche Änderung, schon wieder sind die Müllgebühren gestiegen, die Wagners waren in Spanien im Urlaub. Und die Schmidts erst, er ist jetzt Teamleiter in Callcenter der Versicherung und hat ein E-Auto als Geschäftswagen. Wie aufregend und wichtig.

Man kann etwas Beliebiges einsetzen, aber das Jahr könnte auch diese Qualität haben: Ich war in Alaska und habe Wale an der Küste gesehen, in Island Fisch gefangen, ich war in einer Kirche, Moschee, Synagoge und habe meine Fragen gestellt und mich mal unvoreingenommen informiert. Wir haben zusammen ein Rezept aus Palästina gekocht und es war total lecker. Wir haben über das Internet eine Familie aus Ägypten kennen gelernt und angefangen ihre Sprache zu lernen. Ich habe im Internet einen Blog begonnen, weil ich schon immer mal schreiben wollte. Und nächstes Jahr, ja, da werden die Müllgebühren erhöht. Aber wir fliegen nach Kasachstan und werden dort in der Steppe übernachten. Und wenn wir wollen, wandern wir einfach aus. Und wer in Deutschland regiert? Wer im Fussball vorne ist? Ob wir klimaneutrales Essen haben? Ist das denn wirklich wichtig? Wenn das dass Wichtigste in unserem Leben ist, dann brauchen wir heute Abend die Türen unserer Wohnung nicht mehr abschliessen. Denn das Wertvollste was wir besitzen, hat man uns schon gestohlen: Unser Leben.

Für uns alle wünsche ich schon heute für das nächste Jahr ein Jahr voller Erfahrungen, Erkenntnisse, voller Leidenschaft für Neues und Unbekanntes. InsahAllah, so Gott will, wird es ein gutes Jahr. Wir werden jedenfalls alles getan haben, was wir tun können, damit es so wird. Und wenn wir dann in See stechen, auf zu neuen Ufern und neuen Erfahrungen, dann wird der ein oder andere merken, dass er über das Wasser gehen kann. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, das schrieb einst Adorno. Wie recht er hatte. Wenn ich an meine „Sack Reis Erfahrung“ denke, wird mir klar, wie viele Dinge nur Substitute und ein Ersatz sind in unserer überregulierten, versicherten und mit fünf Sicherheitspolstern abgesicherten Welt, in der uns Nachrichten sagen was wir zu denken und zu fühlen haben, in der wir uns allzu oft unsere kleine Echokammer schaffen, um uns immer bestätigen zu lassen, was wir eh schon dachten. Manche nennen das Struktur. Manche nennen es Sicherheit. Mag sein, dass es Struktur ist. Aber es ist keine Sicherheit, denn die gibt es nicht. Und eines ist es ganz sicher nicht: Leben.

Es ist ungelebtes Leben. Wir könnten auch schon tot sein. Es macht kaum einen Unterschied.


„Das Leben ist ein Schachbrett von Nächten und Tagen, auf dem das Schicksal mit menschlichen Figuren spielt: Es schiebt sie hier nach dort über das Brett, vereint und vernichtet und nimmt die Figuren eine nach der anderen wieder aus dem Spiel.“

– Omar Chajjam