„The mind of man is capable of anything — because everything is in it, all the past as well as all the future.“
Herz der Finsternis, Joseph Conrad
Tief dunkelgrün und als Hüterin von Geheimnissen und Räuberin von Menschenseelen schlängelt sich die Drina durch die Täler Ostbosniens, Windung um Windung durchschneidet sie Berge und nebelbedeckte Wälder. Als Reisender, der dem Flusslauf die letzten Kilometer vor Višegrad über die Strasse am Uferrand folgt, wirkt das Antlitz der Natur, wie sie sich einem hier vorstellt friedlich auch wenn man erahnen mag, dass die Vergangenheit der Menschen in dieser Gegend eine tragische Tiefe mitbringt. Zu oft wechselte hier die Herrschaft von Imperien und Kulturen und das hat stets Narben in den Seelen der Menschen hinterlassen. Zu viele Opfer wurden gebracht, zu leidvoll waren die Jahrhunderte. Die Drina floß als stumme Zeugin durch diese dunklen Wälder Ostbosniens und war oft die Trennlinie zwischen Orient und Okzident. Viele, die sie einst zu überwinden versuchten, wurden von ihr verschlungen. Vor allem im Winter, wenn der Gebirgsfluß Hochwasser führt. Und so entstand irgendwann der Wunsch, dieses natürliche Hindernis zwischen Ost und West zu überwinden. Ab 1571 wurde im Auftrag des Großwesirs des Osmanischen Reiches Großwesir Mehmed Paša Sokolović die Brücke über die Drina durch den osmanischen Hofarchitekt Mimar Sinan erbaut. Der Großwesir stammte aus der Gegend von Sokolovići bei Višegrad, war als Kind im Rahmen der Devşirme (Knabenlese) nach Istanbul gebracht worden und stieg zum mächtigsten Mann des Osmanischen Reichs auf. Die Brücke gilt als Stiftung an seine Heimat: Er soll den Bau angeordnet haben, weil ihm die Erinnerung an die gefährliche Flussüberquerung seiner Kindheit nicht losließ. Die reißende Drina verschlang vor dem Bau dieser Brücke zu viele Seelen, der Preis ihrer Überquerung war einfach zu hoch geworden. Es dauerte sechs Jahre diese Brücke zu bauen und der Bau selbst brachte weiteres menschliches Leid mit sich.
Hier stehen wir nun also, meine Frau und ich, auf einer steinernen und stummen Zeitzeugin von Jahrhunderten, der Brücke über die Drina. Die Augen von Višegrad richteten sich in Hunderten von Jahren immer wieder auf diese Brücke, auf der so vieles geschah. Schönes und Gutes, Freudiges und Lebendiges. Die Brücke über die Drina, die Ivo Andrić 1945 in seinem Buch als Verbindung zwischen Ost und West beschrieb, erzählt die Geschichte Višegrads und der Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke über gut vier Jahrhunderte. Gegen Ende (um 1914) beschreibt Andrić, wie die Menschen in Verfolgte und Verfolger zerfallen. Das hungrige Tier im Menschen, das sich nicht zeigen darf, solange die Dämme von Sitte und Gesetz stehen, werde frei. Die Erlaubnis zur Gewalt werde stillschweigend erteilt, wenn sie im Namen höherer Interessen und gegen eine bestimmte Gruppe geschehe. Und damit wird Andrić prophetisch ohne es zu wissen. Andrić erlebte den Bosnienkrieg nicht mehr und doch beschrieb er in seinem Buch als wenn er gewusst hätte, dass der Traum des Friedens zwischen Ost und West nicht halten würde. So schrieb er, „wenn man hier zerstöre, baue irgendwo anders jemand. Gott habe vielleicht diese unglückliche Stadt an der Drina verlassen, aber nicht die ganze Welt.“ Diese Hoffnung Andrićs wird jeder brauchen, der sich mit den Ereignissen 1992 in Višegrad beschäftigt. Ich sollte diese Hoffnung auch noch brauchen, wie sich später herausstellte.
Die dunkelgrüne Drina fliesst unter der Brücke durch die Bögen durch, wie all die Jahrhunderte zuvor. Ein alter Mann, sichtbar vom Leben gezeichnet sitzt schweigend auf der Kapija, einer Stelle, an der sich die Brücke weitet und man auf einer Steinbank auf einem terrassenartigen Vorsprung sitzen kann. Diese Szene mutet wie ein Drehbuch an und wirkt fast schon surreal auf uns. Gegenüber erhebt sich eine Steintafel mit der osmanischen Bauinschrift. Andrić nennt diesen Platz das Herz der Brücke – und damit das Herz der Stadt. Wir stehen am Rand der Steintafel, begutachten die osmanische Inschrift und wenden uns dann der Drina zu. Wir zupfen Blüten von aus Sarajevo mitgebrachten Blumen und lassen sie in die Tiefe fallen. Kein Wort kommt uns dabei über die Lippen, wir schauen schweigend und gedankenverloren den Blüten bei ihrem Fall in den Fluss zu. Die Drina führt eine seichte Brise in diesen ersten Septembertagen mit sich, sie Herbstsonne schmeichelt den ansonsten dunklen Brückenbögen. Nachdem wir mit den Blumen unser Gedenken den gequälten Seelen dieser Gegend gewidmet haben, laufen wir langsam zurück Richtung Ufer. Niemand der hier steht und die Geschichte nicht kennt könnte erahnen, was hier 1992 geschah.
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„Zwischen der Angst, dass etwas geschehen wird, und der Hoffnung, dass es doch nicht geschieht, ist weit mehr Raum, als man denkt. Auf diesem engen, harten, kahlen und dunklen Raum verbringen viele von uns ihr Leben.“
– Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina
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Ivo Andrićs beschreibt in seinem Buch „Die Brücke über die Drina“ eben diese Brücke als verbindendes Element zwischen Ost und West. Die Brücke war nie nur Stein über Wasser. Für Andrić war sie die Stelle, an der Ost und West einander nicht als Feinde begegnen mussten, sondern als Nachbarn. Auf der Kapija saßen Muslime, Christen und Juden unter demselben Himmel, tranken denselben Kaffee, maßen dieselben Sterne und ließen das grüne Wasser der Drina unter sich hindurchziehen. Die Stadt war aus der Brücke gewachsen wie aus einer Wurzel, die nicht einem Volk gehörte, sondern allen, die sie betraten. Brücken, so dachte Andrić, sind heiliger als manches Heiligtum, weil sie niemandem allein gehören: Sie dienen zu nichts Heimlichem und zu nichts Bösem. Sie sind der Wunsch des Menschen, zwei Ufer zu versöhnen.
Reiche und Imperien kamen und gingen, Hochwasser riss Häuser mit, Kriege zerschnitten die Straßen – die Bögen hielten. Auf diesem Stein lernte die Stadt eine stille Zuversicht: dass das Leben sich verzehrt und dennoch dauert. Dass Unglück nicht ewig währt. Dass, wenn hier etwas zerstört wird, irgendwo anders jemand wieder zu bauen beginnt. Gott mag eine unglückliche Stadt verlassen haben – nicht die ganze Welt, nicht die Möglichkeit, dass Menschen einander wieder über denselben Fluss entgegengehen. Das war Andrićs Hoffnung: nicht, dass es nie dunkel wird, sondern dass die Verbindung stärker ist als die Nacht. Ost und West nicht als Bruchlinie, sondern als zwei Ufer derselben Drina. Umso verstörender und unversöhnlicher ist es heute zu wissen, dass diese Idee gescheitert ist und das womöglich unumkehrbar. Gerade weil so viel Leidenschaft und Hoffnung in Andrićs Gedanken sind, ist der Zusammenbruch umso größer. Als wenn die Täter von 1992 bewusst diesen Traum zerstören wollte. Vielleicht wollten sie es wirklich.
Andrić war kein Optimist des Verschmelzens. Er war ein Chronist des Zusammenlebens – und ein Skeptiker jeder Illusion, dass Kulturen sich einfach ineinander auflösen. Das ist der Unterschied, an dem fast jede Andrić-Deutung scheitert. Wer in Die Brücke über die Drina eine Hymne auf die harmonische Fusion von Islam, Orthodoxie, Katholizismus und Judentum sucht, liest den Roman falsch. Wer ihn umgekehrt als Beweis nimmt, dass Bosnien „ewig“ ein Land des Hasses sei und Zusammenleben unmöglich, liest ihn ebenso falsch. Andrić steht dazwischen: hart, nüchtern, manchmal hoffnungsvoll – aber nie naiv. Liest man Die Brücke über die Drina als Geschichtsbuch des Alltags, nicht als Ideologie, sieht man etwas Unspektakuläres und deshalb Wahres: Die meiste Zeit funktioniert das Leben. Muslime, Christen und Juden teilen Hochwasser, Pest, Steuern, Gerüchte, den Markt, die Kapija. Gewalt bricht ein – als Blutsteuer, als Pfählung, als Aufstand, als Okkupation, als Weltkrieg – und das Leben sucht danach wieder Maß und Ordnung.
Andrić schreibt ausdrücklich, dass es immer versteckte Feindschaften, Eifersucht und religiöse Unduldsamkeit gegeben habe, aber auch Mut, Gemeinsinn und ein Gefühl für Maß, das diese Triebe innerhalb des Erträglichen hielt und dem gemeinsamen Interesse des Zusammenlebens unterwarf. Das ist keine Utopie. Das ist eine Theorie der Zivilisation im Kleinen: Nicht Liebe überwindet den Abgrund dauerhaft. Gewohnheit tut es, Notwendigkeit, der Markt, die Brücke, das gemeinsame Unglück. Deshalb wirken die großen Katastrophen im Roman so erschütternd. Sie sind nicht der Normalzustand. Sie sind der Einbruch. Wer Andrić so liest, als habe er den Krieg von 1992 vorhergesagt, weil „es schon immer so war“, verdreht seine Chronik. Der Roman zeigt, wie oft es nicht so war – und wie dünn der Faden ist, an dem das Nicht-so-Sein hängt.
Im Frühjahr 1992 war Višegrad noch eine Stadt, die an sich selbst glaubte. Nicht laut, nicht politisch, sondern in der selbstverständlichen Weise, in der Menschen glauben, dass der nächste Tag dem heutigen gleichen wird. Die Drina kam grün und kalt aus den Schluchten, trat ins Tal und floss unter den elf Bögen hindurch, als hätte sie nie etwas anderes getan. Über ihr lag die Brücke wie immer: hell, fest, etwas erhöht in der Mitte, dort wo die Kapija sich öffnet. Dort hatte man seit Jahrhunderten gesessen. Dort saß man noch immer.
Morgens roch es nach Brot, nach Holzfeuer, nach dem Fluss. Ladenbesitzer riefen einander über die Gasse. In der Varda-Fabrik standen Bosniaken und Serben an denselben Maschinen. Lehrer unterrichteten Kinder, deren Nachnamen muslimisch, orthodox oder beides waren, weil Familien sich über Jahrzehnte vermischt hatten. Man lieh sich Geld, man besuchte Hochzeiten, man stritt sich um Preise und versöhnte sich am Abend wieder. An den Feiertagen des einen Glaubens war der andere oft Gast. Das war kein Lehrsatz über Toleranz. Es war Gewohnheit. Gewohnheit ist stärker als Ideologie, solange niemand sie zerbricht.
Die Alten sagten, die Brücke habe schon die Osmanen überdauert, die Österreicher, zwei Weltkriege, Hochwasser, die das halbe Tal mitnahm. Was sollte einer Stadt zustoßen, deren Herz aus Stein war? Ivo Andrić hatte geschrieben, die Stadt sei aus dieser Brücke gewachsen wie aus einer unvergänglichen Wurzel. Die Menschen in Višegrad mussten das Buch nicht gelesen haben, um so zu leben. Sie lebten, als gälte der Satz noch.
Es gab Zeichen. Man hätte sie sehen können. Waffen, die in Häusern auftauchten. Versammlungen, zu denen nur die einen gingen. Nachrichtensendungen, in denen aus Nachbarn Völker wurden. Junge Männer, die plötzlich Uniform trugen oder sich wie Soldaten benahmen, ohne dass ein richtiger Krieg erklärt war. Alte Rechnungen, die jemand wieder aufwärmte. Aber Zeichen sind erst hinterher eindeutig. Im Winter und im ersten Frühling 1992 erklärte man sie sich weg. Das sind Politikernachrichten aus Sarajevo. Das ist Serbien, das ist Zagreb, das ist nicht hier. Hier kennt man sich. Hier hat der Nachbar meinem Vater beim Hausbau geholfen. Hier hat meine Mutter ihrer Nachbarin bei der Geburt beigestanden. Hier schwimmen die Kinder im Sommer in derselben Drina.
Niemand stand im März auf der Kapija, sah den Sternenhimmel und dachte: In zwölf Wochen wird dieser Fluss schäumen vor Blut. Niemand kaufte Brot und dachte: Das Haus zwei Straßen weiter wird man zusammensperren und anzünden, mit den Menschen darin. Niemand schickte ein Kind zur Schule und rechnete damit, dass es auf einer Liste stehen würde, nur weil es den falschen Namen trug. Das Undenkbare bleibt undenkbar, bis es geschieht. Genau das ist seine Macht.
Dann kam der April.
Am 13. und 14. April 1992 überquerten Panzer und Einheiten des Užice-Korps der JNA die Grenze und nahmen Višegrad. Es gab Schüsse, Angst, ein paar Stunden, in denen man noch hoffen konnte, es sei eine vorübergehende Besetzung, eine von jenen, die kommen und wieder gehen, wie Armeen in diesem Tal schon immer gekommen und gegangen waren. Die Stadt lag in einem Kessel aus Bergen. Wer fliehen wollte, musste wissen, wohin – und die Straßen gehörten bereits denen, die kamen.
Danach eine Stille, die viele für Beruhigung hielten. Mitte Mai zog sich die JNA offiziell zurück. Was sie zurückließ, war keine Ordnung, sondern ein Vakuum, das sofort gefüllt wurde. Lokale serbische Führer riefen die „Serbische Gemeinde Višegrad“ aus. Die Verwaltung wechselte die Hände. Nichtserben verloren ihre Arbeit von einem Tag auf den anderen. Die beiden Moscheen der Stadt wurden zerstört – nicht als Kollateralschaden einer Schlacht, sondern als Zeichen: Dieser Glaube, dieses Gedächtnis, dieses Recht, hier zu sein, soll nicht mehr sichtbar sein.
Dann begann das eigentliche Werk.
Es war keine Schlacht um Višegrad. Es war eine Säuberung. Paramilitärische Gruppen, allen voran die Männer um Milan Lukić und seinen Cousin Sredoje – Weiße Adler, Rächer genannt –, zusammen mit Polizei, lokalen Bewaffneten und Teilen der neuen Macht, machten die bosniakische Bevölkerung zum Ziel. Nicht die Soldaten unter den Bosniaken zuerst. Die Zivilisten. Die Nachbarn. Die, die geblieben waren, weil sie glaubten, Gebliebensein sei Unschuld.
Man holte sie aus Wohnungen. Aus Höfen. Von der Straße. Aus der Fabrik, während die Schicht noch lief. Lastwagen fuhren zur Brücke und an die Ufer der Drina. Dort stellte man sie auf. Man erschoss sie. Man erstach sie. Man stieß sie lebend hinab. Wer im Wasser noch die Arme hob, wurde nachgeschossen. Tag für Tag. So oft, dass Zeugen später sagten, der Fluss sei schäumend vor Blut gewesen. Die Leichen trieben ab, hakten sich an Wurzeln, sanken, tauchten flussabwärts wieder auf, landeten in Netzen, an Wehren, Jahre später auf dem Grund des Perućac-Sees, als man das Wasser senkte und weiße Markierungen dort aufstellte, wo Knochen lagen. Unter den Toten waren Männer, Frauen, Alte, Kinder. Manche waren gefoltert worden, bevor man sie in den Fluss warf. Die Brücke, die Andrić als Herz der Stadt beschrieben hatte, wurde zum öffentlichen Richtplatz. Wer in Višegrad wohnte, konnte das Bauwerk von Balkonen und Fenstern sehen. Das gehörte zur Methode: nicht nur töten, sondern sichtbar machen, dass getötet wird.
Am 7. Juni 1992 führte man sieben bosniakische Männer an das Ufer. Man ließ sie in einer Reihe stehen, das Gesicht zum Wasser. Trotz ihrer Bitten wurde geschossen. Fünf starben. Zwei überlebten, weil sie sich unter den Körpern tot stellten, während nachgeschossen wurde.
Am 10. Juni betrat Milan Lukić die Varda-Fabrik und holte sieben bosniakische Arbeiter von ihren Plätzen. Sie kamen nicht zurück.
Am 14. Juni, am vierten Tag des Opferfestes (der 14. Juni 1992 in den Kurban-Bajram fiel – das muslimische Opferfest (Eid al-Adha), trieb man rund siebzig bosniakische Zivilisten – vor allem Frauen, Kinder, alte Männer – in ein Haus in der Pionirska-Straße. Man beraubte sie. Man vergewaltigte Frauen. Man sperrte sie in einen Raum, der mit Brandbeschleuniger getränkt war, und zündete das Haus an. Wer aus den Flammen brach, wurde erschossen. Etwa neunundfünfzig Menschen starben in diesem Feuer. Ein paar überlebten und trugen das, was sie gesehen hatten, bis nach Den Haag. Sie berichteten dort von Schreien, die sich wie lautes Katzengeschrei anhörten, unfassbare Laute, die man von Menschen noch nie gehört hatte.
Am 27. Juni dasselbe Muster in Bikavac: wieder ein Haus, wieder Verriegelung, wieder Feuer. Mindestens sechzig Tote, wiederum überwiegend Frauen und Kinder. Neugeborene waren darunter. Das Tribunal nannte später die Kälte und die Grausamkeit dieser Taten beim Namen. Worte reichen trotzdem nicht.
Wenige Kilometer außerhalb, in Višegradska Banja, stand das Hotel Vilina Vlas, ein Heilbad mit Quellen, gebaut für Genesung. 1992 wurde es zum Lager. Dorthin brachte man bosniakische Frauen und Mädchen. Berichte der Vereinten Nationen und spätere Urteile beschreiben systematische Vergewaltigung, Misshandlung, Demütigung. Manche Frauen wurden getötet. Manche nahmen sich das Leben. Jasmina Ahmetspahić sprang aus einem Fenster, nachdem man sie tagelang geschändet hatte. Sie wollte nicht, dass man ihr das letzte nahm, was ihr geblieben war. Milan Lukić nutzte den Ort als Quartier. Das Gebäude ist kein Denkmal geworden. Es ist wieder Hotel und Rehabilitationszentrum. Menschen schlafen in Zimmern, von denen die Stadt offiziell nicht sagen will, was in ihnen geschehen ist.
Gleichzeitig brannten Dörfer ringsum. Häuser wurden geplündert, dann zerstört. Männer verschwanden in Lagern wie Uzamnica, wurden geschlagen, zur Arbeit gezwungen, getötet. Listen kursierten. Namen reichten. In wenigen Monaten war eine der gründlichsten ethnischen Säuberungen des Krieges vollendet. Vor dem Krieg hatten Bosniaken die Mehrheit gestellt. Danach war die Stadt eine andere. Schätzungen liegen zwischen etwa tausend und dreitausend Getöteten im Gemeindegebiet, darunter Hunderte Frauen und über hundert Kinder. Tausende flohen, viele nach Goražde, das selbst zur belagerten Enklave wurde. Hunderte gelten bis heute als vermisst. Ihre Familien warten auf ein Grab, auf einen Namen auf einem Stein, auf das Recht, zu wissen, wo der Fluss oder die Erde sie behalten hat.
2009 verurteilte das Internationale Tribunal Milan Lukić zu lebenslanger Haft: Verfolgung, Mord, Ausrottung, unmenschliche Handlungen – unter anderem für die Toten an der Drina, in der Fabrik, in der Pionirska-Straße und in Bikavac. Sredoje Lukić erhielt dreißig Jahre. Andere erhielten Strafen in Den Haag oder vor bosnischen Gerichten. Viele gingen frei. Die Stadt liegt in der Republika Srpska. Wer heute durch sie geht wie ich es tat, sieht die Brücke, Andrićgrad, Touristen, ein serbisches Kriegerdenkmal im Zentrum. Die Rosen, die Angehörige von der Brücke in die Drina werfen – eine für jedes Leben –, muss man schon kennen, um sie zu verstehen.
Das ist der Wechsel, den niemand ahnte, weil das Ahnen bedeutet hätte, dem Nachbarn zuzutrauen, was man sich selbst nicht zutraut. Das Zusammenleben starb nicht an einem Missverständnis. Es wurde beendet. Mit Listen, mit Lastwagen, mit Feuer, mit der Brücke und mit dem Fluss. Das hungrige Tier, von dem Andrić geschrieben hatte, brauchte keine fremde Horde aus einer anderen Welt. Es brauchte nur, dass die Dämme von Sitte und Gesetz fielen und jemand sagte: Diese hier zählen nicht mehr.
Die Drina floss weiter. Der Stein blieb. Die Menschen, für die dieser Stein einmal Herz gewesen war, waren tot, vertrieben oder zum Schweigen gebracht. Wer die Geschichte nicht kennt, sieht eine schöne Brücke in einem engen Tal. Wer sie kennt, weiß, dass Schönheit nichts schützt – und dass das Undenkbare keine Warnung braucht, um zu beginnen.
„Die überlebenden Frauen von Vilina Vlas Višegrad gehören zu den am stärksten traumatisierten Menschen, denen ich in meiner gesamten beruflichen Laufbahn begegnet bin“ – Dermot Groome, früher Sex-Crime-Prosecutor in Manhattan und später leitender Ankläger im Verfahren gegen Milan Lukić vor dem ICTY.
Die Verbrechen in Višegrad haben selbst für erfahrene Richter und Ankläger eine besondere Schwelle überschritten – „an unprecedented peak of capricious cruelty“ – heisst es in den Gerichtsakten.
Wenige Kilometer nordöstlich von Višegrad, in der Siedlung Višegradska Banja, liegt das Hotel und Heilbad Vilina Vlas. Vor dem Krieg war es ein Ort, an den Menschen kamen, um gesund zu werden. Thermalwasser, das aus dem Boden stieg, Nadelwald, der den Lärm der Stadt abhielt, Zimmer mit Balkonen, ein Hallenbad, in dem Gäste die Müdigkeit abspülten, Restaurants, in denen man aß, als gäbe es nichts Dringenderes als die nächste Mahlzeit. Der Name stammt von einer zarten Farnart, die dort wächst – Vilina vlas, das Haar der Feen. In den Prospekten standen Sätze über Naturheilkunde, Rehabilitation und ruhige Nächte. Wer 1990 oder 1991 dort übernachtete, legte sich in saubere Betten, öffnete das Fenster zum Wald und schlief ein, ohne zu wissen, dass dieselben Gänge, dieselben Zimmertüren und dieselben Bettrahmen zwei Jahre später zu einem der systematischsten Orte sexueller Gewalt und Tötung im Bosnienkrieg werden würden.
Im Frühjahr 1992 änderte sich alles. Die Stadt Višegrad wurde eingenommen, die bosniakische Bevölkerung systematisch vertrieben und ermordet. Paramilitärs – allen voran die Gruppe um Milan Lukić, die sich Weiße Adler oder Rächer nannten – brauchten einen Ort, der isoliert genug war und gleichzeitig über Betten, Räume und Kontrolle verfügte. Vilina Vlas lag ideal: nahe genug an der Stadt, um Frauen und Mädchen schnell dorthin zu bringen, weit genug, um Schreie zu dämpfen. Das Heilbad wurde zum Hauptquartier und zum Lager.
Man holte die Frauen aus Häusern, von Straßen, aus Verstecken. Manche wurden von Nachbarn oder ehemaligen Klassenkameraden abgeholt. Manche kamen mit den Händen bereits gefesselt. Berichte an die Vereinten Nationen und spätere Zeugenaussagen schätzen, dass rund zweihundert bosniakische Frauen und Mädchen durch dieses Gebäude gingen. Darunter Mädchen, die noch keine vierzehn Jahre alt waren. Die Auswahl war kein Zufall. Überlebende und Beobachter berichteten, dass jüngere und als „schön“ geltende Frauen gezielt nach Vilina Vlas gebracht wurden. Ältere oder andere wurden an anderen Orten misshandelt oder direkt getötet. Den Opfern wurde gesagt, sie seien keine „Türken“ mehr, sie würden serbische Kinder gebären. Das war keine private Perversion einzelner Täter. Es war Teil der ethnischen Säuberung: den Körper der Frauen als Waffe gegen das Fortbestehen einer ganzen Gemeinschaft zu benutzen.
Die Zimmer wurden zu Zellen. Die Türen blieben verschlossen. Überlebende beschrieben später vor Gerichten und Journalisten, was drinnen geschah, mit einer Nüchternheit, die schlimmer ist als jedes Schreien. Die Hände waren oft hinter dem Rücken oder an Heizkörpern gefesselt. Essen – Brot – wurde ihnen zugeworfen. Sie mussten es mit den Zähnen vom Boden nehmen, weil sie die Hände nicht benutzen konnten. Man band sie nur los, wenn man sie vergewaltigte. Danach wurden sie wieder gefesselt. Es gab kein Tageslicht, das zählte. Es gab kein Wissen, ob es Morgen oder Abend war. Eine Überlebende sagte: Sie habe aufgehört zu zählen, wie viele Männer kamen. Eine andere berichtete, dass in den Zimmern so viel Blut war, dass man es nicht übersehen konnte. Sie berichtete von Zigarettenstummeln auf der Haut, von Schnitten mit Messern, von Fleisch, das aus dem Mund gerissen wurde. Sie berichteten von Schreien aus den Nachbarzimmern, die man hörte und nicht beantworten konnte, weil man selbst gefesselt lag.
Manche Frauen blieben Tage. Manche Wochen. Manche wurden nach der Misshandlung getötet und verschwanden. Manche wurden in die Drina geworfen. Manche kehrten – schwer verletzt, gebrochen – kurz nach Hause, nur um wieder abgeholt zu werden. Eine Zeugin beschrieb, wie Milan Lukić vor ihren Augen ihren sechzehnjährigen Sohn tötete und sie danach nach Vilina Vlas brachte. Sie verlor die Übersicht, wie oft sie vergewaltigt wurde. „Es war so viel Blut überall“, sagte sie. „Alle Zimmer waren abgeschlossen. Sie warfen uns Brot zu, und wir mussten es mit den Zähnen fangen, weil die Hände gebunden waren. Sie banden uns nur los, wenn sie uns vergewaltigen wollten.“
Jasmina Ahmetspahić war eine von denen, deren Name nicht in der Anonymität der Hunderte unterging. Nach Tagen der Vergewaltigung und der fortgesetzten Drohung sprang sie aus einem Fenster des Hotels. Sie starb an den Verletzungen. Zeugen bestätigten später vor Gericht, dass sie die Misshandlungen gesehen hatten, bevor sie den Sprung wagte. Ihr Körper wurde Jahre später identifiziert. Der Sprung war kein Akt der Verzweiflung allein. Er war der letzte Versuch, sich dem zu entziehen, was man ihr antat, und die letzte Würde zu bewahren, die man ihr lassen wollte. Ihr Name steht heute für alle, die in diesen Zimmern lagen und deren Namen niemand mehr kennt.
Männer wurden in Vilina Vlas ebenfalls festgehalten, gefoltert und getötet. Das Hotel war nicht nur ein Ort der sexuellen Gewalt. Es war ein Ort der totalen Macht über Körper, über Leben und Tod, über die Frage, wer noch als Mensch galt und wer nicht.
Als die Existenz des Lagers nach außen drang und die „ethnische Säuberung“ Višegrads weitgehend abgeschlossen war, wurde der Betrieb beendet. Die wenigen Überlebenden trugen das Geschehene in sich. Manche sprachen Jahre später vor dem Tribunal in Den Haag oder vor bosnischen Gerichten. Viele konnten es nicht. Der Internationale Strafgerichtshof verurteilte Milan Lukić zu lebenslanger Haft wegen einer Reihe von Morden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Višegrad – darunter die Brände in der Pionirska-Straße und in Bikavac und die Tötungen an der Drina. Die systematischen Vergewaltigungen in Vilina Vlas selbst waren in seiner Anklage und Verurteilung nicht in dem Umfang enthalten, den die Beweise und die Zeuginnen ermöglicht hätten. Andere Täter wurden verurteilt, darunter Željko Lelek wegen Vergewaltigungen genau in diesem Hotel. Viele blieben frei. Viele leben noch in derselben Region.
Dann geschah das, was den Schock erst vollständig macht: Das Gebäude wurde wieder Hotel.
Die Matratzen wurden irgendwann ausgetauscht. Die Wände wurden gestrichen. Der Betrieb lief weiter – als Rehabilitationszentrum, als Spa, als Ort für Kuren, Wochenenden und Tagungen. Journalisten und Überlebende berichteten, dass die Bettrahmen dieselben blieben, auf denen Frauen angegriffen worden waren. Der steinerne Boden in der Lobby war derselbe, der einmal von Blut gereinigt werden musste. Mit einem Hochdruckreiniger, weil man das Blut nicht aus den Fugen bekam. Der Pool, in dem Gäste heute schwimmen und sich erholen, war nach Aussagen von Zeugen auch Ort von Massenvergewaltigungen und Exekutionen. Es gibt keine Gedenktafel am Eingang. Es gibt keine Erklärung im Foyer, keine Information auf der Website, keine offizielle Anerkennung durch die lokalen Behörden, dass hier eines der dokumentierten Zentren sexueller Gewalt und Tötung des Krieges lag. Der Bürgermeister von Višegrad sagte Jahre später öffentlich, er wisse nichts von Vergewaltigungen, Folter oder Morden an diesem Ort. Das sagte er, obwohl Urteile, Hunderte Seiten Zeugenaussagen und internationale Berichte das Gegenteil belegen.
Touristen kommen bis heute. Sie buchen über normale Portale. Ältere Reiseführer empfahlen den Ort ausdrücklich wegen seiner „angenehmen natürlichen Umgebung“ und als „perfekten Platz für einen romantischen Abend“. Genau diese Empfehlung las die australische Schauspielerin und Performance-Künstlerin Kym Vercoe im Sommer 2008. Sie war nach Višegrad gekommen, weil sie Andrićs Brücke sehen wollte – die literarische Brücke, die Ost und West verbinden sollte. Nach einem Tag in der Stadt, die ihr während eines Festivals lebendig und fast heiter vorkam, buchte sie ein Zimmer in Vilina Vlas. Sie schwamm im Pool. Sie aß. Sie legte sich ins Bett.
Und sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen.
Eine unerklärliche, schwere Angst legte sich über sie. Körperliche Erschöpfung, die nicht von der Reise kam. Ein Gefühl, am falschen Ort zu sein, ohne dass der Verstand einen Grund nennen konnte. Sie lag wach, wartete auf den Morgen und nahm den ersten Bus nach Belgrad. Zurück in Sydney googelte sie den Namen des Hotels. Die erste Zeile, die sie las, lautete im Kern: Vilina Vlas – Hotel und Heilbad bei Višegrad, berüchtigtes Vergewaltigungslager während des Krieges.
Der Schock war so groß, dass sie nicht mehr loskam von dem, was sie ungewollt geteilt hatte: dieselbe Nacht, dieselben Räume, denselben Boden mit den Frauen, die dort nicht freiwillig gelegen hatten. Sie entwickelte daraus die Performance „Seven Kilometres North-East“ – sieben Kilometer nordöstlich, die Entfernung vom Zentrum Višegrads zum Hotel. Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić sah die Arbeit, erkannte die Kraft dieser unschuldigen, ahnungslosen Nacht und drehte daraus den Film Za one koji ne mogu da govore (For Those Who Can Tell No Tales, 2013). Vercoe spielte sich selbst. Der Film ist kein Spektakel. Er ist die Geschichte einer Frau, die nichts ahnte, eine Nacht in einem Ort der Finsternis verbrachte und danach begriff, dass Schweigen eine zweite Gewalt ist – während die Stadt und die Betreiber des Hotels so tun, als gäbe es nichts zu erzählen.
Bis heute wird Vilina Vlas als touristische und rehabilitative Destination beworben. Kapazitäten werden erweitert, neue Stockwerke genehmigt. Auf Tourismusmessen erscheint es in der offiziellen Angebotspalette von Višegrad und der Republika Srpska. Opferverbände und Menschenrechtsorganisationen fordern seit Jahren wenigstens eine Gedenktafel, wenigstens die Wahrheit am Eingang. Die Antwort der lokalen Macht ist Schweigen, Leugnung oder die Behauptung, man wisse von nichts. Das ist die zweite Schicht des Verbrechens: nicht nur das, was 1992 in diesen Zimmern geschah, sondern das systematische Auslöschen seiner Spuren, während die Steine, die Böden, die Betten und der Pool weiterbenutzt werden – von Menschen, die oft nicht einmal wissen, worauf sie liegen.
Wer heute durch die Gänge von Vilina Vlas geht und nur Thermalwasser und Wald sieht, sieht, was man sehen soll. Wer die Zeuginnen gehört hat, sieht die Zimmer, in denen Frauen gefesselt lagen, das Brot vom Boden nahmen und darauf warteten, dass die Tür wieder aufging. Er sieht den Balkon, von dem Jasmina sprang. Er sieht Kym Vercoe, die eine Nacht lang nicht schlafen konnte, ohne zu wissen warum – und die danach begriff, dass der Körper manchmal mehr weiß als der Verstand, und dass ein Ort, an dem das Undenkbare geschah, nicht einfach wieder ein Hotel sein darf, ohne dass jemand es ausspricht.
Das Hotel ist offen. Die Betten sind belegt. Die Geschichte ist nicht zu Ende, solange man sie zudeckt und Gäste einlädt, nichts zu wissen.
Zum Hotel Vilina Vlas habe ich eine eigene Quellensammlung: Vilina Vlas Višegrad 1992. Und es gibt ein YouTube Video von mir dazu: https://youtu.be/sbgYo7uNlQg
„Wenn Gott diese unglückliche Stadt an der Drina verlassen haben sollte, so hat er doch nicht die ganze Welt unter dem Himmel verlassen.“
– Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina
Bei dem Titel „Herz der Finsternis – Višegrad 1992“ habe ich mich von Joseph Conrad inspirieren lassen, denn auch in seinem Werk geht es um einen Fluss, um unfassbare menschliche Grausamkeiten und um das Herz. Joseph Conrads Werk ist ungewollt eng verwoben mit den Gedanken von Andrić und den Ereignissen 1992 an der Drina, wenn es um die totale Enthemmung und das Böse geht.
Die Dinge, die 1992 in Višegrad, Bijeljina, Zvornik, Bratunac, Srebrenica, Vlasenica, Rogatica, Foča, Rudo und Čajniče geschahen, sind gerichtlich durch den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY bzw. MKSJ) aufgearbeitet und genauestens dokumentiert worden. Tausende Zeugenaussagen von Überlebenden wurden alle einzeln angehört. Viele dieser Zeugnisse findet man auch in Sarajevo im „Museum of Crimes against Humanity and Genocide“. Für diesen Artikel habe ich wochenlang Quellen durchgearbeitet und gelesen, die ich verlinkt habe. Vieles wollte mir die KI bei der Erstrecherche nicht beantworten und verweigerte mit Hinweis auf extreme Grausamkeit die Antwort; ich solle sie selbst in den Gerichtsakten nachlesen. Ich habe das getan. Ich konnte tagelang nicht schlafen, zitterte beim Lesen, mein Puls raste. Ich habe niemals zuvor so detailliert gelesen, was den Menschen angetan wurde. Aber ich dachte mir, wenn Menschen das aushalten mussten und ich darüber schreiben will, dann muss ich es lesen. Ich kann mich nicht mit der Oberflächlichkeit begnügen, ich muss in diesen dunklen Gedankenkeller gehen und versuchen, das zu erfassen. Ich habe als jemand, der sich für Geschichte und historische Abläufe interessiert, schon eine Menge Leid und Grauen gelesen. Aber noch nie gerichtliche Zeugenaussagen mit allen Details. Am Ende, nachdem ich das alles durchgelesen hatte, war ich froh, dass es vorbei war. Aber es brachte mich auch an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Ich stand eines Abends, nach langer Recherche zu diesem Artikel in der Küche bei meiner Frau, die gerade unser Abendessen kochte und fing aus dem Nichts an zu weinen, ich konnte es einfach nicht mehr halten und sagte: „Ich kann nicht mehr, es ist einfach zu viel“.
So mancher wird sich fragen, warum ich mir das angetan habe. Ich will versuchen diese Frage zu beantworten.
Diese Dunkelheit, dieses Böse, das die Herzen der Menschen ergriffen hat, ist wie ein Sog, der alles in sich aufsaugt. Wer sich dem Abgrund zu sehr nähert, der ist gezwungen dort hinunter zu blicken. Ich dachte, ich hätte eine Ahnung vom Bösen gehabt, bis ich alles gelesen hatte, was es zu den Ereignissen des Bosnienkriegs in Višegrad zu lesen gab. Das Böse, das Satanische ist unendlich dunkler und boshafter als die Vorstellung davon. Hat es den Menschen erst einmal ergriffen, dann benutzt es ihn als Werkzeug, um anderen Menschen Leid in einer Weise zuzufügen, die sich ein gesunder Menschenverstand nicht ausdenken kann. Das Herz verfinstert sich, von nun an getrennt von allem Guten, Hoffnungsvollem und Reinen. Infiziert mit einem Virus, der es in die Raserei der Grausamkeit bringt, jeder folgende Gedanke nur dazu erschaffen, den vorherigen moralischen Abgrund zu überflügeln. Es ist Abstieg in eine moralische Leere, in der Zivilisation und Barbarei ununterscheidbar werden. Die Abwesenheit von jeglicher Moral ist das Vakuum, was das Böse braucht um zu wachsen und fortan sind der Phantasie, ist sie erst einmal entfesselt, keine Grenzen mehr gesetzt. Ein Gedanke nährt den nächsten, darauf wartend in die Tat umgesetzt zu werden. Jeder neue Gedanke verlangt danach in seiner Bösartigkeit noch größer zu sein, noch grausamer. Rasend, unkontrollierbar und vernichtend. Das ist genau was Andrić beschreibt: Das hungrige Tier im Menschen, das sich nicht zeigen darf, solange die Dämme von Sitte und Gesetz stehen, werde frei.
Sich mit diesem Bösen zu beschäftigen, es mit den vorhandenen Kategorien und intrinsischen Einordnungen eines einfachen Menschenverstandes zu begreifen führt einen unweigerlich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Man liest, das Gehirn versucht die Bilder dazu zu erzeugen. Bilder, ungesehen und ungeschaut, die sich unerträglich einprägen. Und doch ist es wie ein Sog in die Finsternis. Man will nicht aufhören alles zu wissen und zu erforschen, als wenn das Gehirn unentwegt nach Antworten oder sogar Rechtfertigungen suchen würde. Da muss es doch irgendetwas geben, einen Grund, irgendenetwas, was entschuldigend oder gar entlastend ist. Aber da ist nichts. Nur diese nie enden wollenden Finsternis. Es gibt kein Ende des Tunnels.
Es gibt das Böse.
Die Existenz des Bösen beweist die Existenz des Guten letztlich wie Schatten das Licht beweist. Die Täter von 1992 wurden nicht einfach nur zu animalischen Bestien, denn Tiere tun das was in Ostbosnien geschah nicht anderen Tieren an. Ein Tier, foltert kein anderes Tier. Es tötet es, um zu überleben. Es geht einfach nur um Nahrung. Die Täter von 1992 zerstörten bewusst Moscheen, heilige Orte. Oft entweihten sie diese Orte vorher. Sie konfrontierten die Opfer bewusst mit Aussagen „jetzt kann Dir Gott auch nicht helfen“ oder „wo ist Allah jetzt?“. Sie vergewaltigten Frauen bewusst vor ihrer Familie. Es ging um die Vernichtung von allem was heilig und beschützt sein sollte. Es war eine bewusste Handlung gegen das, was im Islam als von Gott ehrenwert und schützenwert bezeichnet wird. Dieses Böse war also keine animalische Barbarei, es war die zielgerichtete Handlung gegen das Gute. Und das ist ein Beweis für das personifizierte Böse, was die Täter von damals antrieb, das, was wir als Satan bezeichnen. Und ich habe heute keine Zweifel darüber, dass die Personen, die die Ideen zu den ethnischen Säuberungen in Ostbosnien bereits Ende der 1980er Jahre entwickelten von Satan gesteuerte Personen waren. Täter wie die Personen um die Gruppe von Milan Lukić wären nicht nur willige Helfer. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) bewies zweifelsfrei, dass die Täter es genossen haben Frauen zu quälen und dass die Taten auf eine außergewöhnliche Herzenskälte schliessen lassen. Diese Personen waren getrieben, sie wollten was sie taten, ihre Verbrechen waren kein zufälliges Nebenprodukt der ethnischen Säuberungen.
Wenn ich heute, nachdem ich wieder in Višegrad war und mir im Museum of Crimes against Humanity and Genocide in Sarajevo nochmals alles angeschaut habe darüber nachdenke, dann versuche ich dennoch mit einem versöhnlichen Gedanken abzuschliessen. Ich habe keine Zweifel daran, dass das was ich gesehen und gelesen habe mich mein ganzes Leben begleiten wird. Aber wie viel mehr wird es denjenigen so ergehen, die das alles damals selbst miterlebt haben, die im Auges des Sturms des entfesselten Bösen waren? Und für die schreibe ich diesen Artikel auch und weil so etwas nicht vergessen werden darf. Wie findet man einen Abschuss von all dem? Manche werden es nie können, solange sie leben. Viele nahmen sich das Leben, andere sind in die Psychiatrie gekommen.
Ein Leben weiterzuleben, dass dieses Namen auch verdient ist nur möglich, wenn man Hoffnung hat. Hoffnung darauf, dass mit diesem Leben nicht alles vorbei ist und dass ein Tag der Gerechtigkeit kommen wird. Ein Tag, an dem die Täter wirklich zur Rechnenschaft gezogen werden. Alle Täter, egal wo sie sich heute in der Republika Srpska oder in Serbien verstecken mögen. Auch die Täter, die bereits verstorben sind. Weiterleben kann man nur in der Hoffnung, dass mit dem Ende diesen Lebens das echte Leben im Danach erst beginnt. Und in diesem echten Leben, wird das Geschehene vergessen sein, wie als wenn es nie passiert wäre. Es wird eine Welt des Friedens sein mit den Menschen, die Gott lieben und die durch göttliche Moral geleitet sind. Nie wieder wird dann wirklich nie wieder heissen und zwar für alle Menschen. Das ist das, was schon in der Bibel versprochen wurde und im Quran bekräftigt wird. Insbesondere, weil die Opfer von 1992 Muslime waren, gibt mir das Hoffnung, denn sie haben es geschafft. Sie sind, weil sie Muslime waren gequält und ermordet worden. Aber da wo sie jetzt sind, kann ihnen niemand mehr etwas antun. Im Islam haben wir die Lehre, dass Menschen, die so viel Leid erfahren haben Hundertfach und Tausendfach gesegnet werden. Eine Hyperbel die anzeigt, wie sehr ihr Schöpfer sie liebt und alles wieder gut machen wird, was sie erlebt haben. Wenn wir unseren Schöpfer anbeten, dann werden wir eines Tages aus dieser Welt scheiden und im Danach alle die sehen, die in Gottergebenheit ums Leben kamen. Wir werden eine Jasmina Ahmetspahić treffen oder die Schwester von Bakira Hasečić. Oder viele andere, deren Namen unbekannt geblieben sind. Wir werden mit ihnen Zeit verbringen, sie werden vielleicht unsere Nachbarn sein. Vielleicht machen wir zusammen Burek, diese leckere Variante von Börek, die über dem Holzkohlenfeuer in einer Schneckenform zubereitet wird. All das ist möglich, wenn wir niemals uns unsere Hoffnung nehmen lassen. Egal was für Stürme noch kommen mögen, egal was uns droht. Nichts kann uns von unserem Schöpfer trennen. Sie können uns unser Geld nehmen, unseren Besitz und die Menschen, die wir lieben. Und sie können uns unser Leben nehmen, aber unser Geist ist bei Allah. Und er hat zu Allem die Macht.
Am 30. August 2026 lief ich durch Breka, einen Stadtteil von Sarajevo. Ich lief an Friedhöfen vorbei, bei denen das Todesjahr meist zwischen 1992-1996 war. Oft waren die Namen kleiner Kinder dabei. Es hat mich runter gezogen und mit allem was ich über Ostbosnien schon wusste sowieso. Ich lief schweren Herzens weiter. Ich ging in eine Moschee zum Beten. Danach ging ich in einen kleinen Supermarkt und kaufte etwas Obst und Gemüse für das Frühstück mit meiner Frau. An der Kasse bezahlte ich und neben mir war eine sehr alte Frau, die meine Ur-Oma hätte sein können. Sie legte ihre Hand auf meine und schenkte mir dann einen Schokoriegel, den sie gerade gekauft hatte. Ich werde das niemals vergessen, niemals! Das sind die kleinen Zeichen Gottes, die jedes Herz zur Demut bewegen. Wie kann diese ältere muslimische Dame, die zweifellos unfassbar Schreckliches erlebt hat so liebevoll und großzügig sein? Sie kannte mich nicht. Hatte sie mich beobachtet, als ich bei den Gräbern auf der anderen Straßenseite war? Oder als ich in der Moschee betete? Ich lief den Weg zurück und dachte nur Martin, wieder wurdest Du eine Lektion gelehrt. Meine Herzensschwere war weg, in meinem Herzen war danach einfach nur Frieden.
Das ist die Hoffnung von der ich spreche. Das Böse wird gebrochen, all der Hass und das Leid werden beseitigt. Es war nur ein Morgen in Sarajevo. Ein Morgen in Bosnien. Einem Land, mit einer unheilvollen und komplizierten Vergangenheit.
Einem wunderschönen Land.
„Doch diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun – Wir werden sie in Gärten eingehen lassen, durchzogen von Flüssen, worin sie ewig verweilen werden. Das ist das Versprechen Allahs in Wahrheit. Und wer ist wahrhaftiger als Allah in Seiner Aussage?“
Quran, Sure An-Nisa (4) : 122