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Analysen Bankenregulierung und US-Staatsschulden

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mrtn
 mrtn
(@mrtn)
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2008 wurde versprochen: nie wieder. Banken sollten nie wieder so tief in Staatsanleihen verstrickt sein, dass eine Marktstörung sie reißt. 18 Jahre später sind die Wall Street Banken zurück auf dem höchsten Stand seit 2007. 550 Milliarden Dollar an US-Staatsschulden auf ihren Büchern. Genau dort, wo sie vor der letzten Krise waren. Die Zahl kommt nicht aus einer Spekulantenrunde. Sie kommt aus den Daten der New Yorker Fed, ausgewertet von der Financial Times. Die Net Treasury Inventories der sogenannten Primary Dealer, also der größten Banken, die direkt mit der Fed handeln, liegen 2026 bei durchschnittlich 550 Milliarden Dollar. 2025 waren es noch unter 400 Milliarden. Das ist ein Sprung von rund 38 Prozent in einem Jahr. Dieser Bestand entspricht knapp 2 Prozent des gesamten US-Staatsanleihenmarkts von 31 Billionen Dollar. So hoch war der Anteil zuletzt 2007.

 

 

Aber das ist nicht der Punkt dieses Posts. Der Punkt ist die Mechanik, die diese Zahl möglich gemacht hat. Im Hintergrund läuft seit Mitte 2025 ein systematischer Umbau der Bankenregulierung. Genau jener Regulierung, die nach 2008 errichtet wurde, um zu verhindern, dass Banken sich erneut massenhaft in Staatsanleihen vergraben.

Schritt 1:

Im November 2025 hat die Fed die sogenannte enhanced Supplementary Leverage Ratio gelockert. Das ist die Vorschrift, die festlegt, wie viel Eigenkapital die größten US-Banken gegen ihr gesamtes Bilanzvolumen halten müssen. Das Ergebnis: Auf Ebene der Banktöchter sinken die Kapitalanforderungen um 28 Prozent. 219 Milliarden Dollar Kapital, das vorher als Sicherheitspuffer reserviert war, wird frei.

Schritt 2:

Am 19. März 2026 haben die US-Regulierer "Basel III Endgame" neu vorgeschlagen. Die ursprüngliche Version aus 2023 sollte das Eigenkapital der größten Banken um 19 Prozent erhöhen. Die neue Version reduziert es um 4,8 Prozent. Statt mehr Sicherheit nun weniger.

Schritt 3:

Was passiert mit dem freigewordenen Kapital? Ein Teil fließt in Aktienrückkäufe. Im ersten Quartal 2026 wurden Rekorde aufgestellt. Der andere Teil fließt in Staatsanleihen. Coalition Greenwich Daten zeigen: Die sechs größten Banken hielten Ende 2025 im Schnitt 2,4 Prozent mehr Kapital als regulatorisch nötig. Morgan Stanley hat es diesen Monat sogar offen gesagt. Man habe dank der SLR-Anpassungen mehr Kapital in den Treasury-Handel umgeleitet. Das ist die Realität hinter der 550-Milliarden-Zahl. Die Banken kaufen nicht aus eigenem Antrieb. Sie kaufen, weil der Staat ihnen die Tür dafür geöffnet hat. Warum diese Tür geöffnet wurde, ist kein Geheimnis. Die USA müssen 2026 rund 1,9 Billionen Dollar an neuen Schulden refinanzieren. Die Staatsverschuldung steht bei über 39 Billionen. Ausländische Notenbanken kaufen weniger. Es bleiben drei Käufergruppen: Hedgefonds, Fonds und Banken. Die Hedgefonds sind über den sogenannten Basis Trade bereits mit 1,4 Billionen Dollar an gehebelten Wetten im Markt. Bei jedem größeren Schwankungsausschlag ein Brandherd. Die Banken sollen jetzt das Polster werden. Aber genau hier liegt der Punkt, der unter der Schlagzeile verschwindet. Banken sind nicht verpflichtet, Märkte zu machen. Es gibt keine Garantie, dass lockerere Regulierung sie dauerhaft im Markt hält. Sie sind dort, solange es sich rechnet. Wenn der Markt dreht, ziehen sie sich zurück. Genau dann, wenn der Staat sie am dringendsten braucht. Was wir gerade beobachten, ist also nicht die Rückkehr der stabilen Vor-2008-Bankenwelt. Es ist eine hybride Konstruktion. Die Banken werden zurück in den Markt gedrängt, aber das Fundament des Marktes liegt weiter bei Hedgefonds mit hoher Schuldenhebelung. Der Aufbau ist der eines Stresstests, der noch nicht stattgefunden hat. 2007 war auch nicht das Krisenjahr. 2007 war das Jahr, in dem das Problem groß genug wurde, dass es nicht mehr ignoriert werden konnte. Bear Stearns kollabierte erst im März 2008. Lehman im September 2008. Heute haben wir die gleichen Bilanzpositionen, aber zusätzlich eine vierfach so große Treasury-Schuld, eine politisch unter Druck stehende Notenbank und eine Marktstruktur, in der Hedgefonds und Banken gleichzeitig im Risiko sind. Die SLR-Lockerung war das erste Signal. Der Basel III Mulligan das zweite. Die 550 Milliarden auf den Bilanzen sind die erste sichtbare Bilanz dieses Umbaus. Aber das eigentliche Spiel hat noch nicht begonnen. Die nächste Stufe wäre die vollständige Herausnahme von Treasuries aus der SLR-Berechnung. Die Regulierer haben dazu bereits Kommentare eingeholt. Der Staat baut Schritt für Schritt das Sicherheitsnetz ab, das nach 2008 errichtet wurde. Damit seine größten Banken seine eigenen Schulden tragen. Das ist Financial Repression in Echtzeit. Nicht als Theorie. Sondern als Bilanzposition.



   
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