Klar gibt es auch im Islam Sekten, aber eben deutlich (!!) weniger und es braucht schon krasse Abweichungen von der Lehre, um diese zu etablieren, Beispiel: Ahmadiyya.
Die Muslime, solange sie die Herrschaft über ihre Gebiete hatten, konnten relativ konsequent solche Sekten ("ich bin ein neuer Prophet nach Mohammed") unterbinden. Durch die Kolonisierung ging das nicht mehr. Und heute ist die Katze aus dem Sack. Auch in der Gefahr zu kommen, mal wieder it's always the brits zu rufen, aber die sind auch da Vorreiter gewesen:
Die Ahmadiyya waren eine willkommene Gelegenheit, die Muslime in den britischen Kolonien zu spalten, indem ein neuer, konformer "Islam" mittels Mirza Ghulam Ahmad aufgebaut werden konnte. Seine Bücher sollen wohl auch mit entsprechenden Loyalitätsbekunden voll sein, auch wenn die heutigen Anhänger das umdeuten wollen (während die normalen Muslime gegen die Besatzung gekämpft haben).
Ähnlich ist es mit der Geschichte um den Mufti von Jerusalem, der die Nazis und ihren Antisemitismus verehrt und unterstützt hat: der wurde auch von den Briten in das Amt eingesetzt, gegen den Willen der muslimischen Gelehrten von Al-Quds, da er nicht ansatzweise die notwendige Qualifikation hatte für eine übergeordnete Gelehrtenposition. Doch er war eben passenderweise Antisemit, und die Briten wollten weitere Spaltung sähen zwischen den Juden und Muslimen (die sich bisher weitgehend verstanden hatten). Erfreulicherweise berichtet auch das Erinnerungsprojekt Yad Vashem, dass dieser Mufti keinen Rückhalt für diesen Hass auf Juden bei den anderen Muslimen fand, und marginal blieb.
Und Muslim sein kannst Du eben auch ganz alleine. Bei Konvertiten ist das sogar recht häufig so, wegen den üblichen kulturellen Problemen. Aber wenn man davon der Wahrheit des Monotheismus überzeugt ist, hält einen das ja auch nicht auf. Dann eben alleine.
Die kulturellen Probleme sind der problematische Punkt. Und kein singuläres Thema für "Konvertiten". Die sprachliche und nationale Unterteilung von muslimischen Gemeinschaften zieht ungesunde Grenzen. Manchmal habe ich ein bisschen das Gefühl, es geht da eher um das (verständliche) Gefühl, ein bisschen Heimat für sich zu haben (als ausgegrenzte, ethnische Gruppe im Westen), als es darum geht, die "Umma vor Ort" einen Ort zum Anbeten und Lernen über die Religion zu geben (auch wenn das dann nicht Türken/Araber/Perser/Albanier/etc. sind wie man selbst). Aber das war ja das erste, was Mohammed in Medina hat bauen lassen: eine Mosche und eine Madrasa, weil er wusste, die Gemeinschaft braucht beides.
Im Ergebnis, befürchte ich, wissen die Muslime immer weniger von ihrer eigenen Religion, und könnten immer mehr "Sektenführern" folgen.
Für mich gab und gibt es -auch als christlich geprägter Mensch- nur Gott.
Sehr gut, denn damit bist du, denke ich, deutlich mehr an dem, was die ursprünglichen Christen geglaubt haben; als an dem, was die Kirche nach dem apostolischen Glaubensbekenntnis "hinzu erfunden" hat.
Denn diese zusätzlichen Dogmen kann ein rationeller Mensch eben kaum nachvollziehen und auch schwer "verinnerlichen".
Im Ergebnis, befürchte ich, wissen die Muslime immer weniger von ihrer eigenen Religion, und könnten immer mehr "Sektenführern" folgen.
Diese Einschätzung teile ich. Ist eben wie bei "uns" Christen: die Bildung fehlt - auch die religöse!
Habe ich nie so empfunden. Warum brauche ich den? Wer sagt das? Mag sein, dass die Organisation Kirche das so meint und gerne hätte. Aber ich für mich wende mich an Gott, nicht an einen Vermittler.
Das sagen nicht nur Kirchen, es ist die christliche Theologie des neuen Testaments (NT) der Bibel. Jesus ist der Vermittler zwischen Mensch und Gott, eine christliche Kernlehre. Nach christlicher Theologie brauchst Du das wegen der Erbsünde, weil Du sonst als Sünder nicht vor Gott treten kannst.
Dass Du das nicht so empfunden hast und empfindest zeigt, dass Du wenig von diesem Käse mitbekommen hast. Man könnte auch sagen, Du folgst Deiner "Fitra". Dieser Begriff bedeutet im Islam sozusagen, das was jeder Mensch von Anfang an in sich hat, spürt und weiss. Eine veranlagte Intuition (schon bei kleinen Kindern, dazu gibt es Studien). Es gibt einen Gott (und nicht 3 oder 100) und es ist ganz einfach. Man betet zu ihm um Hilfe oder für Dank bzw. Anbetung. Fitra sagt noch viel mehr aus, aber der angeborene Theismus ist ein grosser Teil davon. Weitere Teile sind ein Unrechtsempfinden (dass Mord Unrecht ist, muss man Kindern nicht erst anerziehen) usw.
Naja, dass der Mensch eine Gemeinschaft braucht, ist ja doch offensichtlich.
Ja das stimmt. Ich meine hier aber den Kontext der Religion. Theologisch gesehen kann man den Islam auch für sich ganz alleine leben, was übrigens viele "Westler" tun um kulturelle Probleme zu umgehen und die Vorurteile westlicher Landleute. LEIDER VERSTÄNDLICH!
Das Christentum dagegen ist immer eine Gemeinschaftsreligion und gegen "Absonderung" gibt es sogar Bibeltexte.
Christliche Prägung wie Du sie hast habe ich auch. Das ist nicht alles falsch, man muss hier schon klar differenzieren. Aber es ist schön zu sehen, dass Dir das sehr gut gelingt.
Im Ergebnis, befürchte ich, wissen die Muslime immer weniger von ihrer eigenen Religion, und könnten immer mehr "Sektenführern" folgen.
Insgesamt ein sehr wertvoller Kommentar von Dir! Danke! Auf diesen Aspekt wollte ich kurz etwas schreiben:
JA.
Das ist einer der Punkte, die mich echt aus der Fassung bringen. Da hat man den Islam mit einer unglaublich kraftvollen und klaren Botschaft und einer konsistenten Theologie die letztlich nur abgelehnt werden kann, wenn jemand aus anderen Gründen nicht will. Klar, Menschen machen was sie wollen. Aber wer Gott ernsthaft sucht und nicht vorher von Propaganda vergiftet wird, landet beim Islam.
Und dann kommen in neuerer Zeit auch hier Sekten auf und zerstören das ganze Islambild, all das Schöne dieser Religion. Selbst schon so erlebt. Das ist wirklich bitter.
Ich habe nur einen Weg gefunden damit umzugehen und an der Stelle hatte ich eine gute Lehrerin (da würden manche Sektierer auch schon durchdrehen):
Selbst ein guter Botschafter dieser Religion sein. So sein, wie man es sich von Muslimen gewünscht hätte, als man selbst noch keiner war.
Ich habe nur einen Weg gefunden damit umzugehen und an der Stelle hatte ich eine gute Lehrerin (da würden manche Sektierer auch schon durchdrehen):
Das war die Safiya ja?
Klar würden die durchdrehen, weil sie eine Frau ist. Alhamdulillah dass sie da war und das war genau so wie es Allah swt es wollte. Schau was alles gutes daraus wurde.
Klar würden die durchdrehen, weil sie eine Frau ist.
Leider bei manchen Leuten definitiv wahr und etwas, was ich furchtbar dumm und einfältig empfinde.
Da wären wir wieder beim Wissen über die eigene Religion: die ersten Lehrer für die Umma waren nach dem Tod vom Propheten vor allem seine Frauen...
Allerdings kann ich es auch verstehen, dass man "in der Regel" Wert darauf legt, dass Männer Männer unterrichten und Frauen Frauen. Aber die Diskussion will ich jetzt nicht aufmachen 😉
Naja, dass der Mensch eine Gemeinschaft braucht, ist ja doch offensichtlich.
Ja das stimmt. Ich meine hier aber den Kontext der Religion. Theologisch gesehen kann man den Islam auch für sich ganz alleine leben, was übrigens viele "Westler" tun um kulturelle Probleme zu umgehen und die Vorurteile westlicher Landleute. LEIDER VERSTÄNDLICH!
Das Freitags- und die Festgebete sind aber explizit Gemeinschaftshandlungen. Habe das jetzt nicht abrufbar, ob es im Koran oder in der Sunna zu finden ist, aber die Muslime sind angehalten, so oft sie können, diese Gebete in der nächsten Moschee wahrzunehmen.
Ich verstehe aber was du meinst, mit...
Das Christentum dagegen ist immer eine Gemeinschaftsreligion und gegen "Absonderung" gibt es sogar Bibeltexte.
Christliche Prägung wie Du sie hast habe ich auch. Das ist nicht alles falsch, man muss hier schon klar differenzieren. Aber es ist schön zu sehen, dass Dir das sehr gut gelingt.
...doch dass würde ich eher "institutionalisierte Glaubensorganisation" nennen. Manche Kirchen, wie der Vatikan oder amerikanische Evangelikale sind tatsächlich wie Firmen organisiert - und ohne diese Organisation gibt es eben gar keine Religion: sie bestimmt und verteilt den Inhalt des Glaubens, sie verteilt zentral die Ämter und sie stößt sogar aus dem Glauben aus, u.v.a.m.
Das gibt es ähnlich oder abgeschwächt auch in anderen Religion, auch im Islam oder Judentum, aber bei weitem nicht so durchschlagend organisiert, und damit nicht ansatzweise so charakteristisch für die Religion.
- Selbst wenn ein islamischer Gelehrter eine Fatwa machen würde, dass jemand kein Muslim mehr wäre und getötet werde müsse, wäre diese Fatwa nur für seine Anhänger relevant. Für die Abermillionen andere Muslime ist sie herzlich irrelevant.
- Wenn der Papst jemand exkommuniziert, war das für lange Zeit der europäischen Geschichte ein Todesurteil für diese Person, egal wo sie im "katholischen Reich" gelebt hatte.
- Die Juden haben immer noch ihre Schriftgelehrten, Rabbis, die die Tora auslegen und den Gläubigen in der Auslegung zur Seite stehen. Da gibt es auch einige Meinungsverschiedenheiten (z.B. darüber, ob das Judentum über Vater oder Mutter, oder beide, weitergegeben wird; über die Mutter ist die Mehrheitsmeinung IMHO)
Muss man sich mal vorstellen: jeder katholische Priester wurde von jemand eingesetzt, der vom Papst eingesetzt wurde, seit der Zeit von Petrus. In gewisser Weise ist das wirklich beeindruckend, vor allem so konsistent über diesen langen Zeitraum. Aber genug der Vatikan Werbung 🤪
Allerdings kann ich es auch verstehen, dass man "in der Regel" Wert darauf legt, dass Männer Männer unterrichten und Frauen Frauen. Aber die Diskussion will ich jetzt nicht aufmachen 😉
Absolut. Damit es hier keine Missverständnisse gibt: ich hatte keinen Einzelunterricht mit physischen Treffen zu zweit etc. Safiya war durch ihre Art zu schreiben und den Kontakt per Messenger/Sprachnachrichten von Anfang an wie eine grosse Schwester im Islam und durch ihr tiefes Wissen einfach eine sehr gute Lehrerin.
Und was ich damit meinte...
Ich habe nur einen Weg gefunden damit umzugehen und an der Stelle hatte ich eine gute Lehrerin (da würden manche Sektierer auch schon durchdrehen):
....ist in der Tat die extreme Fraktion, die beispielsweise um "Fitna" zu vermeiden einer bedeckten Schwester an der Supermarktkasse aus dem Weg gehen. Mir geht es niemals um einen liberalen Gaga-Islam nach heutiger westlicher Denke, aber auch nicht um die übliche Hardcorefraktion (die leider mehr zerstört als dass sie aufbauen würde).
Dieses Forum zeigt das ja schon.
Das Freitags- und die Festgebete sind aber explizit Gemeinschaftshandlungen.
Das stimmt, wie Du schon an der Übersetzung des arabischen Wortes für "Freitag" erkennen kannst. 😉
In einem muslimischen Land ist es gerne gesehen die Moschee zu besuchen und im Idealfall jeden Tag zu allen Gebetszeiten. In der Realität schaffen das logischerweise die allerwenigsten. Gleiches gilt beispielsweise für die Tarāwīh Gebete im Ramadan usw.
In arabischen Ländern gibt es überall Moscheen. Sehr grosse aber auch diese kleinen Mini-Moscheen an mancher Strassenecke. Wunderbare Orte zum beten und auch zum nachdenken. Rund um die Uhr geöffnet.
Das findet man nicht in Deutschland. Richtige Moscheen gibt es kaum und wenn gehören sie zur DITIB oder der Ahmadiyya. Teilweise hängen im Gebetsraum sogar Bilder von Politikern. Für viele, inklusive mir, absolut untragbar. Folglich betet man mit der Familie oder alleine.
Und das ist was ich damit meine, wenn man im Westen lebt und weshalb viele Konvertiten (neben den anderen kulturellen Gründen) den Islam alleine leben. Für mich ist es gar keine Frage, dass es schöner wäre wenn alles wirklich eine "Umma" wäre, aber die Realität ist eben die, die wir haben.
In einem muslimischen Land gibt es allerdings nichts Schöneres, als an all den gemeinschaftlichen Gebeten teilzuhaben und den Spirit zu spüren. Wenn man erlebt, was selbst in Al Aksa/Jerusalem derzeit jeden Abend los ist, wow. 120.000 waren es vorgestern.
Wenn man Gründe hat den Islam alleine (oder sogar heimlich) zu leben ist das nicht perfekt. Aber es ist besser als eben gar nicht wenn man bedenkt, um was es hier wirklich geht.
Hey Leute,
ein grosses Lob an alle die hier mitmachen. Ich bin selbst noch nicht angemeldet aber bald. Eure Art diese schwierigen Themen zu erklären finde ich sehr gut und auch hilfreich. Heute gibt es so viel Hater die mit herabwürdigender, respektloser Art & Weise alles kaputt machen und das sagt ziemlich viel über die aus. Ihr setzt euch voll mit allem auseinander und tut euch aktiv & intensiv mit Büchern auseinandersetzen um die Gegenpartei besser verstehen zu können, damit Hass & Rassismus nicht gefördert wird. Damit macht ihr mehr gegen Rassismus und Hass als all die ganzen Leute die nur davon labbern.
Ich danke euch sehr für all diesen Input! Mega! Danke!
Mir sagt das Format "warum Islam" sehr zu, aber aus ganz anderen Gründen. Bei den negativen Meldungen Tag für Tag (Gewalt, Ehrenmorde, Verhalten junger Männer) zeigt ihr sehr gut, dass das eben nicht der Islam ist, sondern die Menschen. Folglich ist nicht der Islam das Problem, sondern schlecht erzogene (sozialisierte) Menschen, die nicht zu unserem Land passen.
Dieser Gedanke hilft mir sehr. Ohne dieses Wissen würde ich auch alles auf die Religion schieben, das gebe ich ganz offen zu.
Danke!
Hallo Leute, ich verfolge diesen Thread, den Podcast und den Blog schon länger und ganz passiv. Ich hoffe die Frage kommt jetzt nicht dumm rüber. Aber wie wird man eigentlich Muslim?
Ich bin Christ und kenne die Bibel ganz gut würde ich mal sagen. Aber ich lebe das schon länger nicht aus und wüsste auch nicht wie. Die Kirchen sind mit Politik und LGBTQ Zeugs vermischt, echte Religion ist das für mich nicht mehr. Irgendwie bleibt nur der Islam wenn man ernsthaft noch an Gott glaubt. Und das tue ich und ohne Gott in meinem Leben fehlt mir was. Aber ich weiss so nicht weiter. Also wie läuft das ab mit dem Islam konvertieren?


