„Die bisherigen Aufwärtssignale der Frühindikatoren haben enttäuscht“, kommentiert Stefan Kooths, Leiter der Prognoseabteilung des IfW, die heute veröffentlichte Herbstprognose. „Während die öffentlichen und staatsnahen Dienstleistungen im Aufwärtstrend waren, entwickelten sich die meisten privaten Aktivitäten schwach. Insgesamt und mit Blick auf die Zukunft stottert die deutsche Wirtschaft in einen anämischen Aufschwung, auch weil die Wirtschaftspolitik keine verlässlichen Weichen stellen kann.“
Für das laufende Jahr belastet der schwache private Konsum (+0,4 Prozent) die Aussichten, da sich die Haushalte trotz steigender Realeinkommen mit Ausgaben zurückhalten. Zudem driften das verarbeitende Gewerbe (-2,7 Prozent) und das Baugewerbe (-4,3 Prozent) immer tiefer in die Rezession ab. Die Investitionsausgaben leiden unter der ausgeprägten wirtschaftspolitischen Unsicherheit, was zu einem Rückgang der Ausrüstungsinvestitionen um 7,2 Prozent führte.
Angesichts der schwachen Konjunktur wird die Arbeitslosenquote voraussichtlich auf 6,0 Prozent (2024) und 6,1 Prozent (2025) ansteigen und dann leicht auf 5,9 Prozent (2026) sinken.
Die Gesamtbeschäftigung erreicht in der Mitte des Prognosezeitraums mit rund 46.200 Personen einen Höchststand, danach setzt der Rückgang entsprechend der demografischen Entwicklung ein.
DieInflation wird weiter sinken und nach 2,2 Prozent in diesem Jahr in den nächsten zwei Jahren voraussichtlich bei 2 Prozent liegen. Die Kernrate (ohne Energie) wird erst im Jahr 2026 die 2-Prozent-Marke erreichen, da der Preisdruck auf Dienstleistungen länger anhalten wird.
Das Haushaltsdefizit dürfte von 1,9 Prozent des BIP (2024) auf 1,7 Prozent (2025 und 2026) sinken, was vor allem auf den leichten Anstieg der Wirtschaftsleistung zurückzuführen ist.
Der Wohnungsbau wird der Prognose zufolge erst 2026 wieder anziehen (+2,6 Prozent). Der zaghafte Aufschwung wird dann von einem Niveau ausgehen, das so niedrig ist wie das von vor 13 Jahren.
Nicht nur eine konjunkturelle Krise, sondern zunehmend auch eine strukturelle Krise
„Die deutsche Wirtschaft gerät zunehmend in eine Krise, die nicht nur konjunktureller, sondern auch struktureller Natur ist“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts. „Die Haushaltskürzungen der Regierungskoalition sind hier eine zusätzliche Belastung und die Zinswende der EZB kommt für Deutschland zu spät. Zudem sind alte Kernindustrien schon viel zu lange veränderungsresistent und die Asyldebatte vergiftet den Dialog über die wirtschaftliche Notwendigkeit, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Solange dies der Fall ist, können wir zusehen, wie unsere Wachstumschancen schwinden.“
In seiner Prognose für die Weltwirtschaft sagt das Kieler Institut für dieses und die nächsten beiden Jahre Wachstumsraten von gut 3 Prozent voraus. Besonders stark wirddie Wirtschaftsleistung Indiens wachsen, nämlich um rund 7 Prozent.
Damit werden die deutschen Exporte (2025: +1,2 Prozent; 2026: +2,5 Prozent) im Prognosezeitraum spürbar hinter der globalen Dynamik zurückbleiben.
Konjunkturexperten gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im Jahr 2024 stagnieren wird, nachdem das reale BIP im zweiten Quartal geschrumpft ist, wobei rückläufige Investitionen als Hauptursache genannt werden. Im Gegensatz dazu wird für die Eurozone ein moderates Wachstum erwartet, wobei die deutsche Wirtschaft sowohl in den aktuellen als auch in den prognostizierten Wachstumsprognosen hinter dem Durchschnitt der Eurozone zurückbleibt. Positiv zu vermerken ist, dass die Inflation in Deutschland unter das Ziel der EZB gefallen ist, während die Inflationserwartungen für die kommenden Jahre unverändert bleiben. Die kurzfristigen Zinserwartungen sind leicht gesunken, aber die Unsicherheit bleibt aufgrund der unklaren Kommunikation der EZB hoch. Dies sind die Ergebnisse des Konjunkturtableaus des ZEW Mannheim und der Börsen-Zeitung.
Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland schrumpfte im zweiten Quartal 2024 um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, nach einem Wachstum von 0,2 Prozent im ersten Quartal 2024. Ein wesentlicher Faktor für den Rückgang waren die Anlageinvestitionen, die im zweiten Quartal um 0,5 Prozent sanken. Eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) hat die Gründe für die schlechte Entwicklung der deutschen Wirtschaft näher beleuchtet. Angesichts dieser negativen Signale aus der Realwirtschaft wächst der Pessimismus hinsichtlich der kurzfristigen Wachstumserwartungen. Die Experten haben ihre Wachstumsprognose für 2024 um 0,1 Prozentpunkte auf nur noch 0,1 Prozent gesenkt und signalisieren damit eine Stagnation für dieses Jahr. Außerdem hat sich die Spanne der einzelnen Wachstumsprognosen um 0,4 Prozentpunkte auf 1,9 Prozentpunkte vergrößert, was auf eine zunehmende Unsicherheit hindeutet. Für 2025 wird immer noch ein Wachstum von 1,0 Prozent erwartet, wobei sich die Spanne der Erwartungen um 0,2 Prozentpunkte auf 1,4 Prozentpunkte verringert hat. Bemerkenswert ist, dass unter den Experten ein größerer Konsens über die Wachstumsaussichten für das nächste Jahr besteht als für 2024.


